Hartz IV-Kinder unter uns

INGRID LIEZ

Mein neunjähriger Sohn hat einen Freund, den Max. Max geht auch in die dritte Klasse. Er hat eine kleine Schwester, Lara, sie ist acht. Lara und Max hängen sehr an meinem Sandro, denn viele Freunde haben sie nicht. Beide Kinder sind zu dick, Max hat ADHS und Lara ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit und ohne Hyperaktivität). Mit Max kann Sandro nicht nur gut Fahrrad fahren und stundenlang vor dem Nintendo hängen, sondern sich auch ausgiebig streiten, denn Max ist das, was man „sozial auffällig“ nennt. Er ist frech und unaufmerksam im Unterricht, haut gern andere Kinder. Er hat einen Sturkopf, meint, er komme ständig zu kurz. Wenn es Max allzu sehr stinkt, dann haut er einfach ab, sei es mit dem Fahrrad auf der Straße, sei es im Winter auf der Rodelbahn, plötzlich ist er weg und man macht sich fürchterliche Sorgen.

Trotzdem mag ich Max gerne, obwohl es nie einfach ist, wenn er uns besucht. Da merkt man, wieviel Angst eigentlich in ihm steckt. Auch Lara war schon bei uns und hat sich als redselig und anhänglich erwiesen. Sie kann gar nicht genug Umarmungen bekommen, liebt „Glupschies“ und Fillys und alles was weich und kuschelig ist. Max und Lara kommen aus einem Hartz-IV-Elternhaus. Der Vater ist arbeitsunfähig, die Mutter hat Diabetes und arbeitet stundenweise im Blumengeschäft ihrer Schwester. Die Mutter würde schon gerne richtig arbeiten, aber wozu ein 450-€-Job, denkt sie sich, wenn das Amt das Geld bekommt? Fest angestellt wird sie mangels Ausbildung natürlich nicht. Die Familie lebt in einer vollgestopften 3-Zimmer-Wohnung, geraucht und ferngesehen wird ohne Ende, doch es wird sich auch um frisches Essen bemüht. Allerdings will Max nur Fleisch essen. Die Eltern haben einen Vorhang aus klappernden Plastikperlen in die Küchentür gehängt, damit sie es hören, wenn er nachts in die Küche schleicht. Während irgendeines Wutanfalls hat der Vater den Vorhang wieder heruntergerissen. Max schlemmt heimlich weiter Bockwürste und investiert jeden Euro Taschengeld in Chips und Cola. Allerdings wollen auch die Eltern nicht auf Schoko & Co. verzichten, nehmen die Sachen regelmäßig von der „Tafel“ mit. Was bleiben ihnen sonst für kleine Freuden? Das Auto ist jetzt auch weg, ebenso wie der Führerschein des Vaters. Alkohol? So richtig erfahren habe ich es nicht. Jetzt hole ich Max oder Lara wieder in der Kernstadt ab, wenn sie zu uns auf’s Dorf zu Besuch kommen. Das mache ich gerne, und die Mama schenkt mir manchmal Blumen (alte Pflanzen aus der Gärtnerei, Narzissen, Ginster, was gerade da ist). Manchmal jedoch stehe ich den vieren etwas ratlos gegenüber. Mit dem Vermieter haben sie auch Krach, finden jedoch keine andere Wohnung; wegen eines Schufa-Eintrags privat schon gar nicht. Ich schaue im Netz nach Wohnungen, vergeblich. Ich schenke Lara ab und zu abgelegte Kleider und Blümchen-T-Shirts meiner älteren Tochter, über die sie sich unheimlich freut. Sonst kann ich gar nichts tun, als ihnen zuhören, und das ist oft schön anstrengend.

Einmal Hartz IV – immer Hartz IV? Wird das auch für Max zutreffen? Einmal Gewalt in der Familie – wird dann die Gewalt immer weitergegeben in die nächste Generation? Selbst gemachtes Elend? Ich will es nicht glauben. Ich möchte so gerne, dass Max und Lara eine Chance haben im Leben.

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