Srebrenica 1995: Ein Ort des Grauens

INGRID LIEZ

Der 12. Juli wird für bosnische Menschen immer ein schwarzer Tag sein. An diesem Tag nämlich ereignete sich 1995 das Massaker von Srebrenica, bei dem mehr als 8000 Bosniaken – fast nur Männer und Jungen im Alter von 13 bis 78 Jahren – von der Armee der Republica Srpska unter Führung von Militärchef Ratko Mladic bestialisch ermordet wurden.

In diesem Jahr besuchte der jetzige serbische Präsident Aleksandar Vucic die Gedenkstätte in Srebrenica im Osten Bosnien-Herzegowinas, dem leidgeprüften Vielvölkerstaat, bewohnt von muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen Kroaten – seit ewig schon Zankapfel der Groß- und Regionalmächte. Vucic wollte zur weiteren Versöhnung der Völker beitragen. Was mit viel gutem Willen auf beiden Seiten begann, endete im Chaos – Vucic wurde mit Steinen beworfen und musste mit seiner serbischen Delegation vom Gelände fliehen. Man braucht sich darüber nicht zu wundern, obwohl Vucic die Verbrechen an den Bosniaken heute verdammt. Denn 1995 stand er – politisch noch unbedeutend – auf der anderen Seite. Was sind schon 20 Jahre? Nichts im Vergleich zu dem unendlichen Schmerz der überlebenden Verwandten der Ermordeten. Die Verbrechen erfolgten außerdem nicht spontan, sondern systematisch und geplant, was sich in bereits abgeschlossenen Prozessen vor internationalen Gerichtshöfen herausgestellt hat. Das Massaker von Srebrenica gilt als das größte Kriegsverbrechen seit Ende des 2. Weltkriegs und wurde vom Uno-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag als Völkermord eingestuft.

Dabei sind die Konflikte zwischen den muslimischen Bosniaken und den bosnischen Serben uralt. Was sind 100 Jahre, wenn Menschen, nein, ganze Generationen von Krieg und Verheerung traumatisiert sind und diese seelischen Verletzungen auf ihre Nachkommen übertragen?
Bereits im 15. Jahrhundert konnten sich die Herrscher der beiden Volksgruppen nicht gegen die anrückenden Osmanen einig werden, die das Gebiet mehrmals eroberten. Eine nicht unmaßgebliche Rolle spielten dabei sicherlich reiche Silbervorkommen in der Umgebung – lautet denn auch ein alter Name von Srebrenica „Silberin“. 1878 kam das Gebiet unter die Verwaltung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und wurde 1908 annektiert. Im Ersten Weltkrieg wurde Srebrenica von Serben eingenommen. Diese wurden jedoch von Einheiten der Doppelmonarchie vertrieben, welche zusammen mit muslimisch-kroatischen Legionären Vergeltung an der Zivilbevölkerung übten. Auch im Zweiten Weltkrieg war Srebrenica Kriegsschauplatz. 2000 Muslime kamen durch extreme serbische Organisationen ums Leben. Die Kroaten setzten 1943 ein Massaker unter der serbischen Zivilbevölkerung in Gang.

Im Bosnienkrieg wurde Srebrenica erstmals 1992 von bosnischen Serben angegriffen. Beide ethnische Gruppen bekämpften sich bis aufs Blut und es wurden auf beiden Seiten Gräueltaten verübt. In der Stadt selbst lag der Bevölkerungsanteil der Bosniaken bei fast zwei Dritteln. Die bosnischen Serben eroberten die Stadt im Frühjahr, im Mai jedoch gelang den Bosniaken die Rückeroberung. Zur Vergeltung wurden serbische Dörfer in der Umgegend zerstört, die genaue Zahl der serbischen Opfer ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Danach wurde die Stadt drei Jahre lang belagert, für die zahllosen  bosniakischen Flüchtlinge, die dann in die Stadt strömten, wurde eine UN-Schutzzone errichtet. Das Mandat und damit auch die Bewaffnung der Blauhelme blieb grundsätzlich umstritten. Staaten, die die UNO-Truppen für Bosnien und für die Schutzzonen stellten, lehnten die Anwendung von militärischer Gewalt gegen die bosnischen Serben ab. Sie fürchteten um die Sicherheit ihrer Soldaten. Diese Tatsache spielt auf jeden Fall eine Rolle, als dann – kurz gefasst – im Juli 1995 die bosnischen Serben unter Mladic in diese Schutzzone einmarschierten und alle männlichen Personen, die sie ausfindig machen konnten, verschleppten und umbrachten. Sie wurden oft an Ort und Stelle in mehreren Massengräbern verscharrt, später teilweise wieder entfernt und woanders neu vergraben, um die Morde zu vertuschen. Liest man über all die Grausamkeiten wie Internierung, Massentransporte, Trennung der Familien, Entzug von Essen und Trinken, Folter und Vergewaltigung, Schießen in die Menschenmenge etc., die den Exekutionen vorausgingen, stockt einem der Atem und man ist erinnert an all das, was man über den 2. Weltkrieg weiß.
Heute hat Srebrenica in der Entität Republica Srpska in Bosnien-Herzegowina wieder etwa 15.000 Einwohner (59% weniger als 1991), viele Bosniaken sind zurückgekehrt.

Kriegsverbrechen haben sicher beide Seiten verübt – und deshalb Hut ab vor Vucic, der sich getraut hat, bei der Gedenkfeier in Srebrenica zu sprechen und auch jetzt, nachdem er mit Steinen beworfen wurde, die Hand zur Versöhnung weiter ausstreckt.
Serbiens Regierung jedoch lehnt es weiterhin ab, das Verbrechen an den Muslimen als Genozid anzuerkennen.

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