Warum Mitleid haben?

aus LOKAL 10.2.2016 …

Also mal ehrlich, wie wäre es mit einem Gedankenspiel?
Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sind verheiratet, haben drei Kinder und wohnen in einer schönen Kleinstadt, wo es alles gibt, was Sie und Ihre Familie brauchen. Sie haben einen recht gut bezahlten Job, Ihre Frau ist zu Hause bei den Kindern. Sie sind mäßig religiös und glauben an Gott, aber es ist Ihnen nicht wirklich wichtig, über diese Dinge nachzudenken.
Eines Tages gibt es in Ihrem Land eine Revolution, es bricht ein Bürgerkrieg aus. Immer öfter fallen Bomben und Sie und Ihre Familie müssen im Keller Schutz suchen. Es gibt auch in Ihrem Viertel Tote, der Bombenhagel wird immer schlimmer. Schließlich brechen Straßenkämpfe zwischen den Truppen der Regierung und den Rebellentruppen aus. Ihr Haus wird von einer Bombe schwer beschädigt. Ihre Frau und die Kinder weinen, packen das Notwendigste zusammen und Sie ziehen zu Verwandten in der Nähe um. Die Nächte werden zunehmend schlaflos, alle haben panische Angst, es gibt immer weniger zu essen. Der Strom fällt aus, weil das E-Werk zerstört wurde, das Wasser aus den Hähnen versiegt plötzlich. Alle sind schmutzig, weil die Wäsche nicht mehr gewaschen werden kann.

Bei einem schweren Angriff wird die Familie Ihres Bruders getötet. Der Bruder ist verzweifelt und beschließt, wegzugehen, schweren Herzens trennen Sie sich. Aber es kommt noch schlimmer. Während zunächst eine Gruppe von Rebellen sich in der Nachbarschaft verschanzte und sich ein mörderisches Gemetzel mit den Soldaten lieferte, wird Ihr Viertel schließlich von den Truppen erobert. Voller Hass nehmen die Männer blutige Rache an den Bewohnern, die, wie sie denken, den Revolutionären Schutz gaben. Sie schlachten jeden ab, den Sie finden, Ihre jüngste Tochter fällt einer Kugel zum Opfer. Ihre Trauer ist unendlich – wäre es nicht besser, vor diesem Grauen zu fliehen?

Wenige Tage später erobern die Rebellen das Viertel zurück und massakrieren ihrerseits die Menschen. Schwer bewaffnete Männer dringen in Ihre Wohnung ein und Sie müssen mitansehen, wie Ihre Frau und Ihre zweite Tochter vergewaltigt werden. Gerade, als man Ihnen selbst die Kehle durchschneiden will, fallen weitere Bomben und verwandeln alles um Sie herum in Schutt und Asche. Sie können entkommen, hustend und dreckverschmiert, nur mit dem, was Sie am Leibe tragen. Sie verstecken sich in einem fremden Hof hinter einem Bretterverschlag. Am nächsten Morgen wanken Sie schluchzend auf die Trümmerberge des Hauses zu. Wie durch ein Wunder haben Ihre Frau und Ihre Tochter das Massaker überlebt, Sie schließen Sie in die Arme. Auf der anderen Straßenseite steht ein kleiner Junge – es ist Ihr fünfjähriger Sohn, der weggelaufen war, unverletzt, mit einem dreckigen Stoffhasen im Arm, er hatte sich in einem Kellerloch versteckt, als die Soldaten kamen und er die Schreie der Sterbenden hörte. Über sich hören Sie mit Ihrer Familie wieder die Flugzeuge mit Ihrer tödlichen Last, doch Sie wissen nicht mehr, wo Sie Schutz suchen sollen. Um Sie herum sind nur noch Ruinen, ein Bewaffneter zerrt Sie in Deckung.

Sie beschließen, die Stadt zu verlassen, koste es was es wolle. Denn Sie wollen weiterleben, auch wenn das Leben eine einzige Hölle zu sein scheint. Das ist der Krieg, erkennen Sie, die Geißel einer verblendeten Menschheit, mit der sie sich selbst foltert, und Sie gehen auf die Flucht. Sie werden winziger Teil einer Masse von Menschen, die sich über das geschundene Land wälzt, auf eine Grenze zu, die sich vielleicht nicht öffnen wird. Sie wissen, dass es in der Ferne ein Land gibt, in dem kein Krieg herrscht, und dort werden Sie versuchen, hinzukommen. Es ist Ihre letzte Hoffnung, einen Ort zu finden, an dem es still ist und Ihre Kinder sicher sind.

Ich weiß nicht, wer Sie sind und wo Sie leben, noch wann Sie leben, denn der Krieg ist genauso alt wie wir, und immer wieder boten die Völker einander Schutz und Obdach, hatten Mitleid mit den Fremden vor ihrer Tür, auch wenn sie ihnen aufgrund ihrer Fremdheit misstrauten. Auch die Liebe und das Mitleid sind so alt wie die Menschheit oder noch älter, und ich glaube, mächtiger als alle Wut und Zerstörung.

Wir alle sind auf diesem Planeten nirgends wirklich sicher. Doch wir haben die freie Entscheidung, mit den Geschundenen Mitleid zu haben – ihr Schicksal könnte uns selbst treffen.

Ingrid Liez

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