Unübersichtliche Konflikte

INGRID LIEZ …

Also mal ehrlich – blicken Sie noch durch, wer im Syrien-Konflikt  gegen wen kämpft? Für uns Europäer ist dieser Krieg oft mehr als unübersichtlich. Syrien erscheint mir als eine Art höllischer Mittelpunkt, in dem ein unheilvoller weltpolitischer Mix aufeinander trifft: Der machtbesessene russische Präsident mit seinem Mephistopheles Assad auf eine zunehmend verzweifelt kämpfende Rebellenschar, die vom Westen und einer offensichtlich handlungsunfähigen EU im Stich gelassen wird. Ein zaghafter US-Präsident begnügt sich mit Bomben auf den IS, der sich angesichts der gegenseitigen Zerfleischungen rund um seine Gebiete herum sicherlich ins Fäustchen lacht. Eine autoritäre Türkei schürt den Krieg gegen die Kurden und lebt alte Hassgefühle aus, und die „Erzfeindschaft“ zwischen Saudi-Arabien und dem Iran (vgl. Der Spiegel vom 13. 2. 2016, S. 12) tut vielleicht ein Übriges, um den Konflikt bald weiter eskalieren zu lassen. Geht Putins Strategie auf? Er bombt Tausende von Flüchtlingen in Richtung Türkei und Europa, um die EU weiter zu schwächen und zu spalten. Und muss die NATO eingreifen, wenn die Türkei und Russland ernsthaft aneinandergeraten? Welche Rolle im Konflikt spielen die Kurden, deren Siedlungsgebiete auch mitten im Kessel der Auseinandersetzungen liegen? Die Kurden „haben sich am schlauesten positioniert“, meint Der Spiegel, sie sind die Verbündeten des Westens gegen den sogenannten IS und offenbar auch der Russen. Haben sie denn vor kurzem in Moskau ihre weltweit zweite Vertretung eröffnet.

Woher kommt eigentlich die Feindschaft zwischen Türken und Kurden? Und warum haben die Kurden keinen eigenen Staat? Die Heimat dieser autochthonen Ethnie liegt heute in gleich vier Staaten, nämlich der Türkei, im Irak, im Iran und in Syrien. Insgesamt sind es wohl ca. 25-30 Millionen Menschen. Die Mehrheit der Kurden ist sunnitischen Glaubens, es gibt aber auch Schiiten, Alawiten, Jesiden u.a. Allein in der Türkei (vorwiegend Südosten) leben etwa 13 Mio. Kurden. Als der Erste Weltkrieg beendet war, wurde beim Zusammenbruch des Osmanischen Reichs den Kurden im Vertrag von Sèvres (1920) eine staatliche Autonomie in Aussicht gestellt. Die für die Türken harten Bedingungen dieses Vertrages, durch den das Osmanische Reich endgültig zerschlagen werden und die Türken aus Europa verdrängt werden sollten, resultierten auch aus dem Massaker an den Armeniern und der verlustreichen Dardanellenschlacht von 1915. Die Türken wehrten sich erfolgreich im Türkischen Unabhängigkeits- und Befreiungskrieg, dabei kämpften die Kurden sogar auf türkischer Seite. Schließlich wurden die Vertragsbedingungen im Vertrag von Lausanne zwischen den Siegermächten der Entente und der Türkei zugunsten der Türken revidiert (1923). Auf dieser Grundlage erkannte Staatsgründer Atatürk die Kurden nicht als ethnische Minderheit an. Die Kurden in der Türkei wurden als türkische Staatsangehörige eingegliedert – alle Moslems in der Türkei galten automatisch fortan als Türken und waren einem starken Assimilationsdruck ausgesetzt. Nach heftigen und blutigen Aufständen war bis vor wenigen Jahren sogar die kurdische Sprache verboten. Kurdische Kulturvereine, Schulen und Schriftwerke wurden verboten. Es gab Zwangsumsiedlungen und immer wieder Razzien in kurdischen Dörfern durch das Militär. Seit 1984 führt die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) einen grausamen Guerillakrieg gegen die Türken, die mit brutalem militärischem Einsatz antworten. (Infos aus wikipedia.de und bento.de, siehe auch krisen-und-konflikte.de).

Aktuell scheint der Friedensprozess zwischen Türken und Kurden am Ende, vielleicht sehen sich die Kurden mit Russlands Hilfe bald am Ziel ihrer Wünsche, dem eigenen Staat. Schaut man in die Geschichte, so muss sich Europa wiederum eine Mitschuld an den historischen Vorbedingungen eines blutigen Nahost-Konflikts anlasten lassen.

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