Ein Zeichen gegen den Egoismus: Ist ein bedingungsloses Grundeinkommen möglich?

INGRID LIEZ …

Stellen Sie sich mal ehrlich vor, wie es wäre, wenn alle Menschen in Deutschland ein Einkommen hätten, von dem sie leben könnten und das ihnen, ohne dass eine Gegenleistung erwartet wird, ausbezahlt wird. Man bräuchte nicht mehr arbeiten zu gehen, wenn man nicht will. Man könnte endlich einmal all das tun und verwirklichen, was man schon immer im Leben tun wollte. Wenn es das gäbe, würden sicherlich viele ihre Angehörigen selbst pflegen und sich ehrenamtlich engagieren, einfach weil sie darin Erfüllung finden. Oder?
Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens gibt es wirklich und es gibt sie in verschiedenen Modellen, von Experten ausgearbeitet. Einige Modelle ergänzen mit dem Grundeinkommen unseren Sozialstaat, andere ersetzen ihn radikal. „Wir haben damit die Chance, Arbeit völlig neu zu denken“, erläutert Thomas Straubhaar, Wirtschaftsprofessor aus Hamburg in Der Spiegel Nr. 7, 2017. Er glaubt an die Menschen, dass sie sich nicht einfach auf die faule Haut legen würden und trotzdem noch das nötige Geld verdienen würden, um das Grundeinkommen möglich zu machen. „Es ist keine Stilllegungsprämie. Ein Grundeinkommen ermächtigt die Leute, die etwas leisten wollen.“ Auch zum Beispiel zu einer Weiterbildung. Oder für ein sogenanntes Sabbatjahr – einmal aussteigen aus der Tretmühle der Arbeit und eigene Ziele verwirklichen. Wir hätten einfach mehr Zeit, uns endlich richtig um unsere Kinder zu kümmern. Es wäre ein Schritt gegen den Egoismus, der sich in den letzten Jahren überall etabliert habe. Denn die Gewinne im Zuge der Globalisierung seien ungleich verteilt worden – viel für einige wenige, wenig für die meisten. Ein Grundeinkommen setze ein Zeichen, „und wenn wir dies nicht tun, dann werden wir den Trumpismus und Neonationalismus auch in Europa erleben.“ Straubhaar hält das System unseres Sozialstaats für sehr ungerecht: „Da gibt es die Beitragsmessungsgrenzen … Beamte zahlen gar nicht ein. Wer Miet- oder Kapitaleinnahmen hat, ist auch fein raus.“
Auch Christoph Henning, Philosoph an der Universität St. Gallen, spricht sich für ein Grundeinkommen aus (www.philosophie-indebate.de): Ginge es uns schlechter, wenn unsere Wirtschaft nur halb so schnell wachsen würde, so fragt er und gibt damit eigentlich zu, dass ein Grundeinkommen das Wirtschaftswachstum verlangsamen würde. „Weniger ist mehr“, schreibt er. „Der ökonomische Reichtumsbegriff ist nicht der einzige, er geht im Extremfall auf Kosten des „menschlichen Reichtums“ kultivierter Muße oder der Pflege sozialer Beziehungen.“
Kein Zweifel – ein Grundeinkommen würde unsere über lange Zeit eingeübtes gesellschaftliches Selbstverständnis über die Gestaltung des Sozialstaats ins Wanken bringen. Mit einem Grundeinkommen wird vieles pauschal abgegolten, was dann abgeschafft werden könnte (ALG I und II, Wohngeld, Kindergeld, Erziehungsgeld, Bafög …) und es würde mehr soziale Gerechtigkeit entstehen. Doch wird es dadurch besser? Die Bemessung besonderer Bedürftigkeiten wie sie zum Beispiel Behinderte haben, müssten wieder gesondert bemessen werden, ein neues Dickicht aus Sozialleistungen würde entstehen. Und der ganz große Haken ist bei sicherlich die Finanzierung: Soll man das Grundeinkommen über Verbrauchssteuern finanzieren (Erhöhung der Mehrwertsteuer, Rückgang der Kaufkraft!) oder über die Einkommenssteuer (Belastung von Erwerbstätigen in demotivierender Höhe und gesteigerte Attraktivität von Schwarzarbeit) oder gar über die Ökosteuer?
Ganz sicher ist es nicht sinnlos, über all das nachzudenken, aber es wird auch sehr viel Mut dazu gehören, unser Sozialsystem radikal umzubauen. Fest steht, dass die Grundlagen des jetzigen Systems bröckeln, aber einen neuen und besseren Menschen wird auch ein Grundeinkommen nicht hervorbri

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