Kein Verhältnis zur Demokratie mehr

INGRID LIEZ …

Also mal ehrlich … was würde wohl passieren, wenn Angela Merkel oder Martin Schulz im Rahmen ihrer Wahlkampfveranstaltungen in Istanbul, Izmir oder Antalya eine Halle mieten wollten, um die dort lebenden oder sich gerade im Urlaub befindlichen Deutschen mit einer Wahlkampfrede zu beehren? Deutscher Wahlkampf in der Türkei – ginge das? Wahrscheinlich wäre das mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, obwohl sich die Türkei selbst als weltoffene Demokratie sieht. Es verwundert, weshalb so viele türkische Minister nach Deutschland kommen und hier Wahlkampf machen wollen. Sicherlich leben sehr viel mehr Türken in Deutschland als Deutsche in der Türkei, aber trotzdem ist der Fall wohl einmalig, dass Wahlkampf ins Ausland getragen wird. Es kommt ja auch auf die Inhalte und das Miteinander-Umgehen an, und wenn der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan Deutschland vorwirft, es habe kein Verhältnis zur Demokratie mehr und würde zur Zeit nichts anderes tun, als es „zur Nazi-Zeit getan“ hatte, dann sollte der Ofen doch bitte gleich aus sein. Doch nein, wir bleiben nachgiebig! Nur Außenminister Sigmar Gabriel wagt feste Worte: „Wer bei uns reden will, muss uns nicht nach dem Mund reden, aber er muss unsere Regeln respektieren.“ (Zitiert nach FAZ vom 6. 3. 17).
Erkennen die türkischen Bürgerinnen und Bürger nicht längst, was Erdogan langsam und schleichend mit ihrem Land macht? Man darf besorgt sein! Und Deutschland erweist sich leider immer noch als käuflich, denn wenn wir es uns endgültig mit Erdogan verscherzen, haben wir wohl wieder Millionen von Flüchtlingen „auf dem Hals“. Nicht von ungefähr baut Ungarn vor, interniert Flüchtlinge in Sammellagern und verbessert seine Zäune. Sollten wir nicht ein bisschen mehr Stolz zeigen, statt weiterhin diplomatisch um den türkischen Staatschef herumzueiern? Gibt es nicht andere Lösungen für die Flüchtlinge, statt mit ihnen einem Diktator ein Mittel zur Erpressung der westlichen Welt zu überlassen?
Erdogan und die AKP wissen, dass viele Türken in Deutschland ihnen kritisch gegenüberstehen – vielleicht sind die Wahlkampf-Bemühungen hierzulande auch deshalb so enorm. Die türkische Gesellschaft in Deutschland ist bereits gespalten und es sei schon zu einer „besorgniserregenden Polarisierung“ gekommen, titelt sie Rhein-Main-Zeitung vom 8. März. Jahrzehntelange Integrationsarbeit stehe auf dem Prüfstand und man mache sich große Sorgen um das friedliche Zusammenleben. „Viele Türken, die zwar schon lange in Deutschland leben, haben immer noch nicht das Gefühl dazuzugehören, auch weil sie kein Wahlrecht und somit keine Möglichkeit zur politischen Mitsprache haben“, so Atila Karabörklü, der Stellvertretende Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschland. Bei ihnen falle Erdogans Saat auf fruchtbaren Boden, sie freuen sich, wenn die „arroganten Deutschen“ eine Lektion erhalten.
Anders denken allerdings viele Deutschtürken, besonders mit nicht-sunnitischen Wurzeln. „Erdogan ist selber ein Faschist“, empört sich eine 16-jährige alawitische Gymnasiastin, die mit meiner Tochter auf die gleiche Schule geht. „Grundsätzlich finde ich, dass Religion im Parlament nichts zu suchen hat“, erklärt sie vehement. „Die Sunniten unterdrücken in der Türkei die kleineren religiösen Gruppierungen. Es ärgert mich besonders, dass sich Erdogan über die Frauen erhebt, die in der Öffentlichkeit noch nicht mal mehr lachen dürfen. Erdogan ist ein Verächter der Menschenwürde – das zeigt sich auch darin, wie er mit den protestierenden Menschen umgeht – siehe Wasserwerfer und Gasbomben.“
Gut, dass es noch Menschen gibt, die hierzulande den Mund aufmachen und kritisch ihre Meinung äußern können – anders als im Land hinter dem Bosporus.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*