Unsere Welt in bunten Bildchen

INGRID LIEZ …

Wissen Sie, was ein Emoji ist? Ganz sicher haben Sie schon einmal eines benutzt, wenn Sie ein Touch-Handy besitzen. Emojis ersetzen in SMS oder Chats längere Begriffe oder werden zusätzlich zum Satzinhalt verwendet. Es gibt unzählige Emojis: Lachende oder weinende Smileys, schwitzende Smileys, Smileys, die die Augen verdrehen usw., die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle ist hier abgebildet. Auf WhatsApp etwa gibt es jede Menge Herzchen und Sternchen, Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge. Die Schöpfung der Emojis wird dem Japaner Shigetaka Kurita zugeschrieben, der für einen mobilen Internetdienst Ende der 90er Jahre 176 pixelige Bilder erfand. Der globale Siegeszug der Emojis nahm 2010 seinen Anfang, als das Unicode-Konsortium, eine Arbeitsgemeinschaft, zuständig für die einheitliche digitale Darstellung von Schriftsystemen, die unterschiedlichen Emoji-Sets der Anbieter standardisierte. Das heißt, auf der ganzen Welt kann nun ein Emoji auch als das verstanden werden, was es darstellt: eine Rose, ein lachendes Gesicht oder ein Auto. Sprachbarrieren können überwunden werden!
Laut einer Erhebung des Unternehmens SwiftKey werden fröhliche Emojis am häufigsten genutzt (45 %), gefolgt von traurigen Emojis, Herzen, Handgesten und romantischen Darstellungen. In Deutschland wird das Emoji „Maus“ überdurchschnittlich oft genutzt. Ein gemäßigter Gebrauch von Emojis durch Vorgesetzte oder Kundenbetreuer im beruflichen E-Mail-Verkehr zeuge sogar von besonderem Einfühlungsvermögen! Wer weiß, vielleicht müssen wir bald keine Rhetorik-Kurse mehr besuchen, um unsere Redegewandtheit zu fördern, sondern wir optimieren in Emoji-Trainings unser öffentliches Auftreten, wie Sibylle Anderl in der FAZ vom 17. 1. 2017 orakelt. Stichwort „Cyberpsychologen“: Diese haben Probleme in der Emoji-basierten Kommunikation entdeckt und damit einen ganzen wissenschaftlichen Forschungszweig eröffnet.

Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der FU Berlin, sieht in der FAZ vom 18. März 2017 hinter der „bunten Fassade“ der Bildchen einen Kulturkampf toben. Damit das im Text sprachlich Gesagte auch bildhaft eingeordnet werden könne, seien die Emojis noch lange nicht eindeutig genug. Dementsprechend bemühe sich Unicode auch um mehr kulturelle Vielfalt, damit möglichst jeder und jede sich wiederfinden könne.
Ein Beispiel: Weibliche Emojis gab es bisher nicht in „typisch männlichen“ Berufen wie Polizist oder bei bestimmten Tätigkeiten wie Radfahren. Stefanowitsch weist darauf hin, wie schwierig es sei könne, als Frau Emojis zu verwenden: Mit weiblichen Emojis erhalte sie die Chance, sich geschlechtsspezifisch darzustellen, werde gleichzeitig aber auch dazu gezwungen! Modetrends können hier zu Normen werden: „Für kurzhaarige oder ungeschminkte Frauen ist ebenso wenig Platz wie für langhaarige oder bartlose Männer.“ Seit Neuestem exportiere Unicode das Problem auch in den religiösen Bereich: Die Einführung des Emojis einer Hijab-tragenden Frau (muslimischer Schleier) sei als „antidiskriminatorischer Akt gefeiert“ worden. Was aber ist mit den 70% gläubigen Muslimas in Deutschland, die keinen Schleier tragen, so fragt der Autor. Sie könnten sich in Zukunft gezwungen sehen, ihren Glauben zu thematisieren.

Haarspalterei oder nicht – Wie alle Zeichensysteme der menschlichen Sprache stehen auch die Emojis „in einer komplexen Beziehung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Einerseits sind sie Abbild, andererseits formen sie unser Verständnis des Bezeichneten.“ Besteht dann nicht doch die Gefahr, dass die Emojis den Niedergang der Schriftsprache fördern, oder dass unsere Wirklichkeit durch die Verwendung einiger bunter Bildchen reduziert und manipuliert wird? Die Vielfalt der Sprache des alten Goethe zum Beispiel muss doch mehr ausdrücken können als ein paar Lachgesichter! Vielen ist es jedoch die geistige Anstrengung des Formulierens wohl nicht mehr wert.

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