Vogelmord in Südeuropa

INGRID LIEZ

Es ist keine neue Tatsache, sollte aber wieder mal in unseren Blick rücken: Unfassbar, dass heutzutage immer noch in Südeuropa und auch in vielen anderen Staaten Vögel zu Millionen auf grausame Weise gefangen und getötet werden – zum Verkauf, zum Verzehr, aber lebendig auch zur Käfighaltung oder zum Abrichten. Und wir machen in diesen Ländern auch noch Urlaub! Der Vogelfang ist sogar auf dem Vormarsch, da das skrupellose Geschäft mit getöteten Singvögeln riesige Profite abwirft. Für sogenannte Feinschmecker-Restaurants und Delikatessengeschäfte geht es allein in Europa jährlich 25 Mio. Rotkehlchen, Lerchen oder Singdrosseln an den Kragen.

Schon die alten Römer verzehrten Singvögel als Delikatesse, das ist bekannt. Dass Menschen Vögel zu allen Zeiten fingen, um den kargen Speiseplan zu bereichern, will ich gar nicht verurteilen. Aber Tiere quälen, um ein Millionengeschäft zu betreiben – dagegen muss ohne Wenn und Aber vorgegangen werden! So ist die Jagd auf Singvögel und geschützte Vogelarten in der EU nach der Vogelschutzrichtlinie verboten, wird jedoch in Staaten wie Italien oder Zypern massenhaft missachtet, besonders dort, wo etwa Zugvögel auf ihrem Weg Rastplätze brauchen. Auch in Syrien, im Libanon und Ägypten wurden Mitte der 2010er Jahre jährlich insgesamt 10 Mio. Vögel illegal geschossen oder mit Netzen, Schlagfallen oder Leimruten gefangen, worin sie elend zugrundegehen. Tierschutzverbände kritisieren auch Frankreich, wo geschützte Arten wie Goldregenpfeifer oder Feldlerche unkontrolliert gefangen werden. Die Provence ist Schauplatz der tierquälerischen Jagd mit Tausenden von Leimruten. Der Vogelfang mit Klebefallen wurde von der EU zwar verboten, Frankreich erklärte jedoch den Einsatz von Leimruten als eine vom Aussterben bedrohte kulturelle Tradition.

Das schlimmste Land des Vogelfangs ist allerdings Ägypten, wo sich – legal – 5 m hohe Netze großflächig entlang der Küste erstrecken: Europäische Zugvögel werden im zweistelligen Millionenbereich zum Verzehr gefangen. Das Ausmaß dieser Fangaktionen ist seit der Revolution 2011 deutlich größer geworden. Nach Ägypten stuft die internationale Naturschutzorganisation „Birdlife“ Italien als schlimmstes Land ein. Im Ursprungsland des Vogelfangs gelten Braunkehlchen oder Drosseln als Spezialität. Auch werden die kleinen Vögel als Köder benutzt, um Greifvögel zu fangen. Die Wilddiebe verkaufen ihren Fang an Restaurants oder Zwischenhändler. Italien ist aber auch das Land, in dem am meisten gegen den Vogelfang vorgegangen wird, liest man auf www.welt.de. Deutsche und Italiener arbeiten hier konsequent zusammen. Couragierte Tierschützer auch von Organisationen wie dem Komitee gegen den Vogelmord, der Stiftung Pro Artenvielfalt oder des NABU errichten auf Zypern, Sardinien oder Malta in der Nähe der Hauptfanggebiete Vogelschutz-Camps. Sie stören die Vogelfänger, suchen nach den mörderischen Leimruten, Fangnetzen und Schlingfallen und zerstören sie. Doch wie so oft treten Geld, Macht und Lobbyismus ihren Siegeszug auch hier an. Die Naturschützer werden von von lokalen Jagdverbänden übertönt und von Politikern angesichts drohender Wählerstimmenverluste nicht ernst genommen. Und doch setzt der NABU auf Spendengelder und Information (www.nabu.de): Zusammen mit Birdlife sollen zusammenhängende Landflächen erworben und eingezäunt werden, die in wichtigen Vogelzugkorridoren liegen. Ziel ist es, in dem Gebiet dann auch die Information der Bevölkerung, von Schulklassen oder Touristen voranzutreiben.

Tatsache ist, dass die Zahl unserer Singvögel in Deutschland in den letzten Jahren aus den verschiedensten Gründen dramatisch abgenommen hat. Mit Schuld daran ist bestimmt auch der Vogelfang. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal den zauberhaften Gesang eines Rotkehlchens in der Abenddämmerung hören. Es wird vielleicht das letzte Mal sein.

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