Kanzler der Einheit und Mit-Erbauer Europas

INGRID LIEZ …

Wenn ich ehrlich bin, war ich sogar ein bisschen traurig, als ich vom Tod Helmut Kohls hörte. Für mich, die ich in den 70er und 80er Jahren jung war, gehörte der Altkanzler jahrzehntelang einfach zum Leben dazu. Und ist es nicht in der Tat so, dass er unser Leben maßgeblich mitbestimmte, dass er „entscheidend zu den glücklichsten Zeiten beigetragen“ hatte, „die wir Deutschen je hatten“, wie Bundestagspräsident Norbert Lammert laut FAZ vom 17. Juni 2017 äußerte?

Viel wurde über Helmut Kohl geschimpft, aber es ist trotz so manchen „Fettnäpfchen“ und Unmöglichkeiten nicht abzustreiten, dass er einer der größten Politiker der jüngeren deutschen Geschichte ist. Der Euro ist sein Verdienst und die deutsche Einheit ebenso, die er mit dem Zusammenwachsen Europas verband. Von 1973 bis 1998 lenkte er die Geschicke der CDU, 1982 wurde der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Kanzler.

Ihm fehle das Format zur Kanzlerschaft, unkten viele, doch er strafte alle Pessimisten Lügen. 16 Jahre war er Regierungschef, und ob Angela Merkel das toppen kann, steht derzeit in den Sternen.
Damals, als die CDU – gemeinsam mit der FDP – die Regierung übernahm, interessierte mich das als Jugendliche wenig, doch ich erinnere mich an die großformatigen Wahlplakate 1983, auf denen Kohl zusammen mit dem Schriftzug „die Wende“ abgebildet war. „Der Wendekanzler“ oder auch „Pannenkanzler“ hieß er noch Jahre später, als ihm verschiedene öffentliche Pannen und Fehlentscheidungen zu schaffen machten (z. B. seine flapsige Worte in Israel über die „Gnade der späten Geburt“, mit denen er eine Verantwortung seiner Generation für den Holocaust lapidar abtat oder sein Vergleich Michail Gorbatschows mit Goebbels). Die Leistung seines Lebens ist auf jeden Fall die deutsche Einheit, und so bleibt Kohl für mich der „Einheitskanzler“. „Zielsicher, diplomatisch gewandt und dennoch unbeirrt“ übernahm er nach dem Mauerfall die Regie, wie Wolfram Bickerich auf www.spiegel.de am 17. 6. 2017 schreibt. Kohl verstand es, die historisch begründete Angst der europäischen Partner vor einer neuerlichen deutschen Hegemonie in ihre Schranken zu weisen. Es gelang ihm, „weil er die deutsche Einheit und den europäischen Einigingsprozess so miteinander verknüpfte,dass am Ende eine mehrfache Einigung stand – die deutsche, die europäische und in diese eingebettet eine Währungsunion“, schreibt Bickerich. Und wer erinnert sich nicht an die „Konferenz in Strickjacken“ gemeinsam mit Gorbatschow, wo quasi auf privater Ebene an den Ufern des Selemtschuk im Kaukasus die Neuordnung Europas gestrickt wurde?

In der CDU galt Helmut Kohl lange Zeit als „Übervater“, bis Angela Merkel dieses Bild zu demontieren begann. Wie sturköpfig Kohl sein konnte, zeigte sich 2000, als er nicht bereit war, aufgrund seines gegebenen Wortes die Namen der unbekannten Gönner zu nennen, von denen er für die Partei 2 Mio. DM angenommen hatte.
Sicherlich war er auch privat allgemein sturköpfig. Nicht zuletzt durch die Spendenaffäre drangen innerfamiliäre Streitigkeiten ans Licht der Öffentlichkeit. Nach jahrelanger Funkstille sah Kohl seinen älteren Sohn Walter erst auf dem Totenbett wieder. All die Jahre war jedoch über das innere Leiden in dieser Familie nichts nach außen gedrungen außer der schlimmen Lichtallergie von Hannelore Kohl, die 2001 Selbstmord beging.

Helmut Kohl starb am 16. Juni in Ludwigshafen im Alter von 87 Jahren. Hoffentlich halten wir sein großartiges politisches Erbe weiter in Ehren und steuern einem Auseinanderfallen Europas vehement entgegen!

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