Der Wandel im Handel

INGRID LIEZ …

Also mal ehrlich – wie viel Geld geben Sie im Internet aus? Gehören Sie auch zu den Menschen, die gerne online bestellen? 137 € gibt der Deutsche durchschnittlich pro Bestellung im Netz aus, damit ist Deutschland Online-shopping-Spitzenreiter in Europa, denn zum Beispiel in Frankreich sind es nur 70,86€. Weltweit sind es 116,94 €, so festgestellt von einer Salesforce-Studie.
Am liebsten wird abends und samstags geshoppt, und das sehr oft bei Amazon. Kein Online-Händler beeinflusst das Kaufverhalten so stark wie dieser Internet-Gigant, denn rund 90% der Online-Shopper kaufen hier. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der Unternehmensberatung PwC hervor (Infos aus: www.n-tv.de). Ungefähr 33% aller Befragten gab an, durch ihren Einkauf bei Amazon seltener im örtlichen Handel einzukaufen.

Zugegeben – ich shoppe auch sehr gerne bei Amazon. Ich lasse mich besonders von Buchangeboten verführen, genieße es, die Kritiken der anderen Kunden im Netz zu lesen, ich erhalte Empfehlungen und erfahre sofort, welche Bücher neu auf dem Markt sind.
Bei Büchern greife ich zu, gerne auch unter „gebraucht“, bei Bekleidung oder Haushaltswaren, Elektronik und anderem Schnickschnack halte ich mich zurück. Ich vergleiche lieber die Preise, denn vieles gibt es anderswo günstiger. Laut der Studie benutzen 50% der deutschen Online-Shopper Amazon ebenfalls als Suchmaschine für Produkte und für Preisvergleiche. Das ist toll, dass man Preise vergleichen kann, doch leise schleicht sich schlechtes Gewissen in mein Bewusstsein: Wenn wir alle nur noch im Internet shoppen, was geschieht dann mit dem stationären Handel?
Amazon ist kürzlich groß ins eigene Bekleidungsgeschäft eingestiegen, bald gibt es wohl überall „amazon fresh“, dann kann man auch digital Lebensmittel breit gefächert einkaufen. Klingt toll – kein Gedrängel mehr auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt, kein Wagenschieben zwischen vollgestopften Regalen, kein Anstehen an der Kasse.
Doch dann gibt es auch kein erfreuliches Treffen mit den Nachbarn, ich habe wieder mal weniger Bewegung, weil ich einfach auf dem Schreibtischstuhl sitzenbleiben kann, und romantische Märkte in unseren Innenstädten gibt es dann auch bald nicht mehr.

Haben wir bald komplett leerstehende City-Geschäfte, verwaiste Hallen und einsame Parkplätze? Wehen dann wie in alten Wildwestfilmen bald nur noch staubiger Wind und abgerissene Pflanzenteile durch unsere Geschäftsstraßen?
Der Handel ist im Wandel, besonders die Lebensmittelhändler haben den Internetriesen längst den Kampf angesagt. Nicht einfach so sind 40.000 Arbeitsplätze bedroht! Rewe und Co. bringen sich mit eigenen Liefergeschäft-Angeboten in Stellung. Doch die Lösung kann das nicht sein.
Die einzelnen Kunden, also wir alle, haben es in der Hand: Wollen wir wirklich unseren schönen regionalen Handel kaputtmachen? Wer berät uns dann noch beim Einkauf, wer gibt einen ehrlichen Kommentar ab, ob uns das Kleid oder die Hose gut passt oder nicht? Was kann mehr Wert sein, als ein in der Region produziertes Stück Fleisch, Gemüse und Obst, angebaut und geerntet in der Oberpfalz? Das Brot des Bäckers um die Ecke wurde noch eigenhändig geknetet. Man kann fragen, was es enthält. Und wer durchblickt im Dschungel von Etiketten und Beschriftungen – das ist immer am ehesten noch der Kaufmann von nebenan.

So kratze ich mich an der eigenen Nase und werde demnächst mal wieder meinen Lieblingsbuchladen im Städtedreieck aufsuchen … Und ein bisschen Angst macht es schon, zu lesen, dass das Marktpotential im deutschen Lebensmittel-Onlinehandel mittelfristig bei 6 bis 8 Milliarden Euro liegen soll. Ist es das für uns Kunden wert?

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