Kein Ort, nirgends

INGRID LIEZ …

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, LOKAL am 27. September aufschlagen, ist die Bundestagswahl gelaufen. Sie kennen das Ergebnis – ich noch nicht, während ich diese Zeilen schreibe. Aber ich glaube es zu kennen, denn alle Prognosen sprechen dafür, dass Angela Merkel auch in den nächsten vier Jahren Bundeskanzlerin sein wird.

Das ist sehr beruhigend wohl für die Mehrheit in unserem bequemen Land, denn die meisten Menschen haben Angst vor einer Veränderung, Angst vor der Unsicherheit, vor Überfremdung, vor der Zukunft. Da braucht es doch eine starke Symbolfigur, die uns zu garantieren scheint, dass sich nicht ändern wird, denn „es geht uns gut“. Aber gibt es wahre Sicherheit überhaupt? Und geht es uns wirklich gut? Können wir Veränderungen aufhalten, sondern sind sie nicht einfach ein unabänderlicher Teil des Lebens an sich?

Alles fließt, erkannten schon die alten Griechen, das einzig Beständige ist der Mensch, frei übersetzt, doch in was liegt denn unsere Menschlichkeit begründet? Indem wir vor lauter Angst die vielen Negativmeldungen in der Presse über Verbrechen und Flüchtlinge verallgemeinern und alle diese Menschen verdammen? Indem wir die Augen verschließen, vielleicht gar nicht erst wählen waren? Oder, noch schlimmer, dazu beigetragen haben, rechtes Gedankengut in den Bundestag einziehen zu lassen? Ganz bestimmt nicht.

Niemand kann Veränderungen aufhalten, auch Frau Merkel nicht. Sie ist keine schlechte Bundeskanzlerin, doch auch sie wird nicht alles halten können, was sie vor der Wahl versprochen hat. Nicht zu Unrecht beklagt Jakob Augstein auf der Meinungsseite des SPIEGEL, Nr. 38/2017, S. 10, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer und dass die Deutschen, auch die ärmeren, mit ihrer eindeutigen Stimme bei der Wahl das nicht verhindern. Warum seien wir so lasch und wirtschaftsgläubig, fragt er sich, dabei sei die Volkswirtschaft „längst vom Volk abgekoppelt“, denn „was für VW gut ist, ist längst nicht mehr gut für die Deutschen“.

Augsteins Folgerung: Es geht uns gar nicht gut, und in dem Satz „es geht uns gut“ stecke auch die Folgerung, dass es nicht mehr besser werde. Die meisten Menschen profitieren nicht mehr vom wachsenden Wohlstand, schon allein, weil die Haushaltseinkommen zwischen 1991 und 2014 lediglich um 0,6% p.a. stiegen (höchste Einkommen um 1,3%, untere Einkommen schrumpften!). 52% des Nettovermögens der Deutschen werden von nur 10% der Bevölkerung gehalten, die Hälfte aller Menschen in Deutschland hat einen Anteil von nur 1%. Streit ist vorprogrammiert in der wie auch immer zusammengesetzten Regierung, auch was die Rente mit 70 betrifft, die aufgrund der kommenden Überalterung unserer Gesellschaft wohl kommen muss.

Sicherlich wird die neue Regierung der Angst von 71% der Deutschen vor terroristischen Anschlägen (im Jahr 2001 waren es bloß 21%) mit Maßnahmen wie der personellen und technischen Verbesserung der Exekutiven entgegenwirken, doch wirklich sicherer wird unser Staat dadurch auch nicht, nur noch kontrollierter. Denn gerade für die Überwachung des so bedeutsamen Internets fehlen IT-Experten, die hierzulande nicht ausgebildet wurden, fehlt die entsprechende, breite digitale Infrastruktur.

Wir werden sehen, was kommt. Wahrscheinlich noch mehr Bürokratie, noch mehr Unsicherheit, noch mehr Geld für die Reichen. Für die meisten von uns bleibt alles beim Alten, wir lassen uns weiter verschaukeln. Und doch hoffe ich, dass die Menschlichkeit und das Miteinander in unserem Land nicht untergehen, sind sie doch das einzige, was im Leben Sicherheit bieten kann.

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