Eine (mund-)tote Journalistin in Europa

INGRID LIEZ …

„Wo du auch hinschaust, überall sind Gauner. Die Lage ist hoffnungslos!“, das schrieb die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia in ihrem letzten Blogeintrag kurz vor ihrem gewaltsamen Tod am 16. Oktober 2017. Eine Autobombe wurde unter dem Peugeot 108 der 53-jährigen, verheirateten Mutter dreier Söhne platziert.
Die Explosion riss die unbequeme Reporterin in Stücke – schon vor zwei Wochen hatte sie Morddrohungen erhalten und sich damit an die Polizei gewandt.

Dieser Mord erschütterte nicht nur den Inselstaat südlich von Sizilien, sondern ganz Europa. Was läuft schief im Gesamtgefüge von Staaten, Politik und Industrie, so muss man fragen, wenn Journalisten, die unangenehme Wahrheiten an Tageslicht fördern, einfach brutal beseitigt werden?
Eine ganze Welt hinter der offensichtlichen Welt – von deren Existenz kann man mittlerweile auch als Normalbürger ausgehen. So wie das „Darknet“ nur selten hinter der unauffälligen Fassade des Internets durchschimmert, so bekommen wir alle nichts mit von den Machenschaften der „Großen“ hinter den Kulissen.

Journalisten und die sogenannten Whistleblower eröffnen uns manchmal einen kleinen Einblick auf ein unsichtbares Netz von Verbindungen, das wohl das Schicksal unseres Planeten maßgeblich mitbestimmt. Die herrschenden Politiker – alles nur Marionetten? Die meisten Medien – nur Instrument der heimlichen, wahren Bestimmer?
Daphne Caruana Galizias Blog wurde von bis zu 400.000 Lesern pro Tag geklickt. Mit ihren Berichten enthüllte sie, dass die Frau des maltesischen Regierungschefs Joseph Muscat vermutlich Bestechungsgelder auf geheimen Konten in Panama versteckt habe. Ihre Vorwürfe bezüglich sogenannter Offshorekonten (ein Offshore-Finanzplatz ist eine Art Steueroase mit hoher Vertraulichkeit) richteten sich auch gegen den Energieminister und den Kabinettschef (www.zeit.de vom 16.10.17).

Auf Twitter verurteilte Muscat den Bombenanschlag als „gehässigen Angriff auf die Meinungsfreiheit“. Er werde nicht ruhen, bis der Gerechtigkeit Genüge getan sei – eine Flucht nach vorn?
Er, Muscat, sei sich bewusst, dass Galizia eine scharfe Kritikerin von ihm war. Hatte sie denn auch vorgezogene Neuwahlen auf Malta erreicht, die der Mitte-links-Regierungschef trotz den Korruptionsvorwürfen gewann.
Aber Galizia hatte sich auch eine Menge anderer Leute zu Feinden gemacht, denn sie recherchierte wie viele andere Journalisten weltweit auch, an den „Panama Papers“, eine aus einem 2,6 Terabyte großen Datenleck stammende Sammlung von Datenbankformaten, Emails, PDFs und Textdokumenten des panamaischen Offshore-Dienstleisters Mossack Fonseca, die im April 2016 erstmals öffentlich wurde. Die Kanzlei Fonseca verkauft anonym weltweit „Briefkastenfirmen“, mit deren Unterstützung sich alle möglichen Geschäfte abwickeln und auch verschleiern lassen.
„Die Daten geben einen seltenen Einblick in eine Welt, die eigentlich nur im Verborgenen existieren kann. Sie belegen, wie eine globale Industrie, angeführt von großen Banken, Anwaltskanzleien und Vermögensverwaltern, die Besitztümer von Politikern, Fifa-Funktionären, Betrügern und Drogenschmugglern, aber auch von Milliardären, Prominenten und Sport-Stars in aller Verschwiegenheit verwaltet“, heißt es auf www.panamapapers.sueddeutsche.de. Mittlerweile wurde recherchiert, dass nicht nur maltesische Persönlichkeiten, sondern auch Isländer, Pakistani oder Russen sowie deutsche Großbanken dubiose Briefkastenfirmen in Panama betreiben (die deutschen Banken wie Bayern LB oder die Deutsche Bank etwa 1200 Firmen).

Daphne Galizia sagte als Zeugin zu Geldwäsche und Steuerhinterziehung in Malta vor dem EU-Untersuchungsausschuss aus. Nun hat sie jemand für immer zum Schweigen gebracht. Steht zu hoffen, dass es jemanden geben wird, der das Verbrechen unbestechlich aufklärt und jemanden, der in ihre mutigen Fußstapfen tritt. Sie hat ihr Leben für die Wahrheit geopfert.
Der EU-Kommissions-Vizepräsdient Timmermans äußerte dazu: “Wenn Journalisten zum Schweigen gebracht werden, ist unsere Freiheit verloren“ (zitiert nach www.t-online.de).

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