Warum kein Frieden im Nahen Osten?

INGRID LIEZ …

100 Jahre Balfour-Deklaration (Teil 1)

Der November – ein historisch bedeutsamer Monat häufig im 20. Jahrhundert! Nicht nur der deutsche Mauerdurchbruch 1989, die schreckliche „Reichskristallnacht“ 1938 oder die „Oktoberrevolution“ in Russland – nein, es gibt noch ein Novemberdatum, das zu den Wurzeln der Entstehung des Staates Israel gehört, wie auch zum blutigen Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern.

Am 2. November 1917 richtete sich Großbritannien in der Balfour-Deklaration an die Führer der zionistischen Weltorganisation und erklärte sich solidarisch mit dem 1897 festgelegten Ziel des Zionismus, in Palästina einen jüdischen Staat zu errichten. Dabei war der britische Außenminister Arthur J. Balfour zusammen mit Premier Lloyd George und Winston Churchill einer der zielstrebigsten Fürsprecher für die Ansiedlung von Juden in Palästina. Der Wortlaut der Deklaration: „Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei … nichts geschehen soll, was die … Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina … in Frage stellen könnte.“

Die Hintergründe für diese Erklärung waren nicht etwa idealistischer Natur. Großbritannien suchte die Unterstützung zionistischer Organisationen in seinem Kampf gegen die Mittelmächte, denn man steckte schließlich mitten im 1. Weltkrieg. Andererseits wollte sich das Vereinigte Königreich die jüdischen Flüchtlinge vom Hals halten, denn seit 1880 waren mehr als 100.000 Flüchtlinge aus dem Zarenreich geflohen, wo Judenverfolgung an der Tagesordnung war. Gut die Hälfte aller Juden weltweit lebte damals im Zarenreich, und seit 1903, als es im russischen Riesenreich zu gären begann, waren die Pogrome besonders stark. Das Vorfeld der russischen Revolution ließ noch weitere Flüchtlinge erwarten.

Weiterhin waren die britischen Interessen territorialer Natur: 1917 wurde Palästina, das bis dahin unter osmanischer Herrschaft gestanden hatte, von den Briten erobert. Mit den Juden als feste Partner sollte das Land eine ideale Verbindung in Richtung weiterer Einflusssphären im Mittleren Osten bis hin zur wichtigsten britischen Kolonie, Indien, geschaffen werden. Dazu gehörte die Sicherung des Suez-Kanals.

Scheinheilig, das Ganze, denn auch den Arabern, die in Palästina lebten, wurde die Selbstverwaltung in Aussicht gestellt. In den folgenden Jahren lavierte die britische Regierung zwischen kolonialistischen Bestrebungen, dem Umsetzen der Deklaration und Versprechungen zur Unabhängigkeit an die Araber hin und her. Dabei waren die Positionen zwischen Arabern und Juden zunächst nicht gegensätzlich, doch wurden sie immer wieder politisch gegeneinander ausgespielt. Etwa trat das Faisal-Weizmann-Abkommen von 1919, in dem die Araber der jüdischen Einwanderung zustimmten, nie in Kraft. Zusagen der Briten, die arabische Unabhängigkeit zu unterstützen, wurden nicht eingehalten. In arabisch-nationalistischen Kreisen begann sich Widerstand zu formieren, und 1920 kam es zum ersten Mal in Jerusalem zu größeren Ausschreitungen gegen jüdische Anwohner.

1948 wurde Palästina mit der Gründung des Staates Israel dann wirklich zur Zuflucht für Hunderttausende vertriebener Juden aus ganz Europa, die dem Holocaust entkommen waren. Dafür war einem Großteil der dort lebenden Palästinenser das Land abgekauft oder einfach abgenommen worden. Ein Grund zum Feiern, wie es die britische Regierung am 7. November 2017 in der Royal Albert Hall in London tun möchte, ist die Balfour-Deklaration angesichts des blutigen Konflikts wahrlich nicht. Trauriger Höhepunkt als Folge der Balfour-Deklaration: Die „Naqba“ (arab. für „Katastrophe“) 1947/48 mit der Vertreibung von 750.000 Palästinensern durch den neuen Staat. Eine Vertreibung und Entrechtung, die bis heute anhält – mittels Besatzung, Entrechtung und brutaler militärischer Gewalt.

(Fortsetzung folgt)

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