Kunst-Ausstellung von Heribert Krotter

Eine Ausstellung zeigt Kunst von Heribert Krotter im jüngst eröffneten neuen Wohn- und Geschäftshaus an der Regensburger Straße in Burglengenfeld

ABC im „Bernet-Tower“

von Sebastian Karnatz

BURGLENGENFELD (sr). Am 18. November 2017 öffnete das markante Geschäfts- und Wohngebäude am Eingang der Stadt in der Regensburger Straße 45 seine Tore. Ab 27. November bis zum 15. Dezember ist in diesem Haus eine kleine, aber feine Ausstellung zu sehen: Man kann von Montag bis Freitag von 9-17 Uhr der Kunst Heribert Krotters begegnen (am Sonntag, den 10. Dezember wird der Künstler anwesend sein).

Krotter ist ohne Zweifel einer der herausragendsten Künstler der Region. Man erlebt seine Werke gleichsam im Rohbauzustand, denn das unfertige Ambiente der noch nicht endgültig fertiggestellten Räumlichkeit ist für die Schau ein Gewinn: Durch den noch rohen Estrich und das Grau der lediglich verputzten Wände gewinnen die Werke noch einmal zusätzlich an Reiz und Tiefenschärfe, wie dies im weißen Kubus des klassischen Ausstellungsgebäudes wohl kaum möglich gewesen wäre.
Die Ausstellung „ABC“ lebt also nicht zuletzt von der gelungenen Konfrontation von zeitgenössischer Büro- und Wohnarchitektur mit künstlerischen Werken.

Der Künstler Heribert Krotter ist in Burglengenfeld alles andere als ein Unbekannter. Der 1941 in Oberpfraundorf geborene Maler war nach einem Studium der Malerei und Grafik an der Münchner Akademie der Bildenden Künste seit 1970 lange Jahre im gymnasialen Schulunterricht – die meisten davon am Johann-Michael-Fischer-Gymnasium in Burglengenfeld.
Krotters Bildwelten beeindrucken durch ihre fast mathematische Präzision, wirken jedoch niemals starr oder gar leblos, sondern in ihrem überbordendem Ideenreichtum jedes Mal aufs Neue kreativ und mitreißend. Dabei schränkt sich Krotter technisch und materiell keineswegs ein. Leinwand, Holz, ja sogar zufällig gefundene Korallenfragmente – unter Krotters Händen mischen sich Materialien und Techniken zu einer stets individuellen Bildsprache, deren Grundkennzeichen nicht zuletzt die handwerkliche Meisterschaft ist.

Seinen Ausdruck findet dieser Hang zur technischen Perfektion aber gerade nicht in einer Rückkehr zum Altmeisterlichen – wie es noch bei den Granden der klassischen Moderne wie Kasimir Malewitsch und Salvador Dali der Fall war –, sondern im schier unerschöpflichen Formenrepertoire der Nachkriegsmoderne. Krotters Kunst ist dabei zumeist nicht-figürlich, ohne dabei allerdings der reinen Abstraktion zu frönen. Kunsthistorische Anknüpfungspunkte finden sich bei so unterschiedlichen Künstlern wie Arnulf Rainer, Jasper Johns oder auch Gerhard Richter, mit dem Krotter seine Liebe zu stets neuen Bildformeln, seinen souveränen Rück- und Zugriff auf unterschiedlichste Stile und Techniken teilt.
Die vielleicht bis heute prägendste inhaltliche Konstante in Krotters Werk ist das, was er im Titel der Ausstellung fast nonchalant sachlich mit „ABC“ anspricht: Schrift und Schriftlichkeit.

Die Auseinandersetzung mit dem Zeichensystem der Schrift reicht von wie zufällig auf dem Bildträger verteilten Buchstabenanordnungen bis zur technologischen Fortentwicklung von Schrift als Bedeutungs- und Erinnerungsträger in Form von Computerplatinen. Der Künstler nützt dabei das der Schrift innewohnende Potential zur Mehrdeutigkeit: Sie ist in seinen Arbeiten immer zugleich Bedeutungsträger, der auf etwas anderes als ihre eigene Körperlichkeit verweist, sowie ästhetische Kategorie. Einfach gesagt, die Schrift funktioniert als Ornament ebenso wie als Symbol!
Am monumentalsten und zugleich berührendsten dürfte Krotters Triptychon zur Katastrophe des 11. Septembers 2001 sein. Der dunkle Bildraum des Triptychons füllt sich über und über mit Namen an.
Es sind die Namen all jener, die beim Anschlag auf das World-Trade-Center ums Leben kamen. Und vielleicht ist dies tatsächlich das, was bleibt: Ein Hauch von Nachleben in der Schrift, in der Kunst – zumindest das konnte Krotter den Opfern zurückgeben. Wer länger vor diesen drei wandfüllenden Tafeln steht, der wird ohne großes Pathos begreifen, dass es Dinge gibt, die in ihrer Brutalität kaum zu begreifen sind.
All diese Facetten der Schrift immer wieder auszuloten, sie gar in seinen „Totalkorrekturen“ fast bis zur (Un-)Kenntlichkeit verschwinden zu lassen, ist das große Verdienst der Arbeiten Heribert Krotters.

In dieser wunderbaren kleinen Ausstellung in einem besonderen Rahmen lassen sich Architektur und Schrift – beides Ordnungssysteme, die wie ihre Schwester die Musik von Regelhaftigkeit und dem bewussten Bruch von Regeln zugleich leben – in einem außergewöhnlichen Dialog erleben.

(Der Autor Sebastian Karnatz ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bayerischen Schlösserverwaltung. Jüngst ist von ihm im Ars-Vivendi-Verlag der kulturhistorische Reiseführer „Burgen, Klöster, Residenzen. Eine Reise zu den Orten der Hohenzollern in Franken“ erschienen.)

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