Warum kein Frieden im Nahen Osten? (II)

INGRID LIEZ …

Arabisch „Naqba“ – was bedeutet das? (Teil 2)

Es bedeutet „Katastrophe“. Und wer sich insbesondere mit einem palästinensischen Araber unterhält, der erfährt, dass in seinem Umfeld eine bestimmte Katastrophe gemeint ist, nämlich die gewaltsame Vertreibung von etwa 750.000 Arabern aus Palästina. Die Palästinenser haben dafür auch einen Gedenktag, den 15. Mai, einen Tag nach der Gründung des Staates Israel am 14. Mai (1948).
Was die einen feiern, ist für die anderen ein Grund für Tränen. Am 2. November feierten die Briten „100 Jahre Balfour-Deklaration“, eine Erklärung, in der sich 1917 Großbritannien bereit zeigte, die „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ zu unterstützen. Gleichzeitig ist die Balfour-Deklaration auch eine der Wurzeln des Nahost-Konflikts. Denn auch den Palästinensern versprachen die Briten Souveränität – ein Versprechen, das nicht gehalten wurde.

Blutig und grausam war die Kehrseite der Errichtung der „jüdischen Heimstätte“ – für beide Seiten! Bereits zur Zeit des britischen Mandats kam es immer wieder zu Unruhen zwischen den Einwanderern und den palästinensischen Bewohnern des Landes. Nach dem 2. Weltkrieg verlieh der Holocaust dem Vorhaben „jüdischer Staat“ eine neue Dringlichkeit. Immer mehr Juden wanderten in Palästina ein, ein Problem, dem die Briten durch zahlenmäßige Begrenzungen Herr zu werden versuchten. Das handelte ihnen militärische Angriffe der Israelis ein.

Im Winter 1946/47 entschloss sich Great Britain auch aufgrund seiner desolaten wirtschaftlichen Lage, das Problem Palästina an die 1945 gegründeten Vereinten Nationen abzugeben. Die UN wollte dem Konflikt mit dem „Teilungsplan“ begegnen – die Aufteilung des Mandatsgebiets in einen jüdischen und einen arabischen Staat, die Stadt Jerusalem unter internationaler Kontrolle. Die meisten Juden akzeptierten den UN-Plan, doch Staaten wie Ägypten, Libanon und Syrien stellten sich mit den Palästinensern gegen die Teilung. Vom Tag der UN-Entscheidung an starben Hunderte Zivilisten, Soldaten und Freischärler auf beiden Seiten, in Bombenattentaten, Überfällen, bei Angriffen auf palästinensische Dörfer. Purer Terror überzog das Land, eine blühende Kultur wurde zerstört.

Während zunächst mehr Opfer auf jüdischer Seite zu beklagen waren, schlug die israelische Armee ab Mitte 1948 zurück. Auf ihrer Liste standen Dörfer und Städte, die laut UN zum jüdischen Staat gehören sollten. Palästinenser ergriffen die Flucht oder wurden vertrieben, zerbombt, erschossen, erschlagen. Dieses Blutbad treibt heutigen Palästinensern noch die Tränen (auch der Wut) in die Augen. „Wir müssen alles tun, dass die Palästinenser nicht zurückkommen“, notierte David Ben Gurion, israelischer Staatsgründer, im Juli 1948. „Die Alten sterben, die Jungen werden vergessen.“

Damit lag er falsch, denn bis heute ist nichts vergessen. Bis heute prägt die Naqba das Leben der Betroffenen und ihrer Nachfahren. Das Trauma ist ungebrochen, aber auch auf jüdischer Seite! Leid und Schmerz auch hier, tote Soldaten und Zivilisten, das Ganze mittlerweile eine Endlosschleife aus Vergeltungsschlägen. Waffenlieferungen aus den verschiedensten Lagern – Europa, Russland, Amerika – machen es seit Jahrzehnten möglich.

Das offizielle Israel verharmlost und möchte verschweigen, und kritische Worte zur Siedlungspolitik, sprich zur fortgesetzten israelischen Landnahme in den besetzten Gebieten, werden nicht gern gehört. Der Bau der Trennmauer zwischen palästinensischem und israelischem Territorium sowie auch die fortgesetzten Drangsalierungen der Araber an den Grenzübergängen sprechen eine Sprache der Angst. Dabei steht die Zwei-Staaten-Lösung immer noch im Raum.

Niemand sollte von Vergessen sprechen, jedoch von Vergeben. Im Kleinen leben die beiden Völker längst gemeinsam, profitieren von gemeinsamer Arbeit, dem gemeinsamen Alltag oder sogar von Freundschaften – eine junge und tolerante, gebildete Generation macht es möglich. Es sind die Alten oder die Fundamentalisten, die Strenggläubigen oder die im Schmerz Erstarrten, die nur die Sprache der Gewalt verstehen – auf beiden Seiten, und die den Frieden immer wieder verhindern.

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