„Rein sachorientiert“

INGRID LIEZ …

Also mal ehrlich … geht’s noch? Eine einsame Entscheidung, die nicht nur in SPD-Kreisen für Empörung sorgte: Der geschäftsführende Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, stimmte in Brüssel für die damit um fünf Jahre verlängerte Zulassung des stark umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat. Das taktisch unkluge Timing stört die zarten Annäherungsversuche zwischen CDU und SPD im Hinblick auf eine Neuauflage der GroKo und bringt zudem die Kanzlerin in Misskredit.

Glyphosat ist ein Bestandteil des weltweit verwendeten Pflanzenschutzmittels Roundup. Von Glyphosat werden jährlich rund 850.000 Tonnen auf den Feldern versprüht. In Deutschland sind es 5000 Tonnen pro Jahr. Viele (nicht alle) Wissenschaftler halten dieses sogenannte Totalherbizid, das jegliches Wachstum abtötet, es sei denn, die Pflanzen sind durch Gentechnik resistent gemacht worden, für krebserregend.

Dies ist für mich persönlich der eigentliche Skandal: Dieses Mittel gehört in die Kategorie „Die Menschheit schneidet den Ast ab, auf dem sie sitzt“. Offenbar brauchen wir Gentechnik und solche umstrittenen Mittel, damit auf den Feldern so viel wächst, um uns satt zu bekommen. Der Landwirtschaftsminister stimmte mit 17 weiteren von 28 Ländern in der EU-Kommission für „ja“ zu weiteren fünf Jahren, um seinem eigenen Ressort treu zu bleiben. Natürlich – für die Bauern ist es wichtig, dass die Ernteerträge stimmen! Im großen Zusammenhang ist es kurzsichtig gedacht, denn nicht bedacht werden die natürlichen Kreisläufe von Pflanzenvielfalt, Insekten- und Kleintierleben. Wenn die Flora nicht mehr stimmt, stirbt auch die Fauna. Alle jammern über das Bienensterben: Ist dies nicht bereits ein Effekt der kurzsichtigen Landwirtschaftspolitik, die auf Kosten von Wildkräutern, Moos und anderen Kleinst-Regulatoren in der Ökologie geht?
Neben dieser Problematik erscheint es wie ein Hohn, dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit nun auf die Frage konzentriert, ob die Kanzlerin selbst in die Entscheidung ihres (geschäftsführenden) Ministers eingebunden war. „Hat Frau Merkel ihren Laden noch im Griff?“ fragen sich die anderen Parteien, die SPD mutmaßt das Schwinden der kanzlerischen Autorität.

Christian Schmidt, Jahrgang 1957, seit 2014 im Amt, errang in der Bundestagswahl stolze 39,9% (Erststimmenergebnis) in seinem Heimatwahlkreis Fürth und Neustadt an der Aisch/Bad Windsheim. Ein Ausbund an Seriosität offenbar, der seine Entscheidung als „rein sachorientiert“ bezeichnet und sie „auf die eigene Kappe nimmt“ (ARD-Morgenmagazin am 28. 11. 17). Ja, die meisten Bayern wählen eben gerne konservativ. Kläglich erscheint jedoch Schmidts Versuch der Rechtfertigung, denn er möchte trotzdem in Deutschland den Einsatz von Glyphosat „stark reglementieren“.

Das Thema wird wahrscheinlich für die nächsten Jahre vom Tisch sein und alle kommen um die Verantwortung herum, nach verträglichen und gesundheitsunschädlichen Alternativen für das Breitbandherbizid zu suchen. Wieder einmal Geld an der falschen Stelle eingespart!
Es steht zu hoffen, dass es trotzdem in den nächsten Wochen zu Gesprächen zwischen SPD und CDU/CSU zu einer möglichen neuen Großen Koalition gibt – obwohl die SPD nun von einem „massiven Vertrauensbruch“ spricht (Andrea Nahles). Denn weder eine Minderheitsregierung mit einer erschwerten Handlungsfähigkeit, noch Neuwahlen erscheinen als eine sinnvolle Alternative.

Und Alternativen für Glyphosat? Im Moment bleiben nur nicht-chemische Möglichkeiten wie mechanische Unkrautbekämpfung. Alle Möglichkeiten seien jedoch für den Landwirt heutzutage „wirtschaftliche nicht darstellbar, wenn sich am Preisgefüge nichts ändere“, so heißt es auf www.topagrar.com.

Allerdings nennt etwa die Seite www.global2000.at die Bodenbearbeitung mit speziellem Gerät, die Pflanzung von Mischkulturen, den Einsatz von heißem Dampf oder die Verwendung von Essig- und Pelargonsäure als sinnvolle Alternativen.

 

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