Buch-Tipp: „Entenhaube – Erinnerungen eines Flüchtlingskindes“

Ein aufwühlender
Lebensbericht

 

(lz). Ein großer Teil der heutigen deutschen Bevölkerung entstammt Flüchtlingsfamilien. Familien, oder auch nur Frauen und Kinder, die nach dem Kriegsende 1945 etwa aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in den Westen flohen.

Fast zwei Millionen Vertriebene kamen von dort nach Bayern – darunter auch die Familie von Christine Fischer, geborene Müller, die noch auf der Flucht in Freistadt in Österreich geboren wurde. Ihre Familie kam aus Schlesien und fand in Nabburg eine neue Heimat. Eine Flucht mit Kriegs- und Gewalterfahrungen hinterlässt immer traumatische Spuren, sicherlich auch in den Ungeborenen. Deshalb beginnt Christine Fischers erschütternde Autobiographie mit Erzählungen aus dem Krieg und von der Flucht aus der Sicht ihrer Eltern.

In dem Buch „Entenhaube“, das 2014 erschienen ist, erschließt sich die sogenannte „transgenerationale Weitergabe von Traumata“, also das Vererben prägender Trauma-Erfahrungen auf die nächste Generation – aus einer neuen Sichtweise. Christine Fischer, heute 73-jährig, beschreibt in ihrem Buch minutiös ihre Kindheit und Jugend in der Oberpfalz und die schwierigen Beziehungen innerhalb der Familie. Der Titel beschreibt eine lustige, von ihrer Mutter handgearbeitete Strickmütze, die das Kind Christine gerne trug und die entgegen ihren Erfahrungen von Lieblosigkeit und Unverständnis ein Symbol für wärmende Geborgenheit und Schutz ist.

Als junge Erwachsene lernt Christine den Beruf der Arzthelferin. Eingehend beschreibt sie ihren beruflichen Werdegang ebenso wie diskriminierende Erfahrungen als Frau – bis hin zu dem schrecklichen, prägenden Erlebnis einer brutalen Vergewaltigung und den anschließenden mitleidlosen Verhörmethoden der Polizei. Von da an ist Christine zunächst eine Verlorene, doch sie heiratet ihre Liebe Bernd Fischer. Seit 1972 lebt sie mit ihm in Köln-Porz, ihrer neuen und letzten Heimat. Nach mehreren Fehlgeburten geben die beiden ihren Kinderwunsch auf, Christine beschließt, sich beruflich weiterzubilden, um eines Tages ihr eigener Chef zu sein. Sie studiert Krankengymnastik und Massage, heilkundliche Psychotherapie und Psychoonkologie. 1981 wird ihr Traum von einer eigenen Praxis wahr, sie leitet Einzel- und Gruppentherapien für Krebspatienten.

Immer wieder erlebt der Leser die inneren Auseinandersetzungen mit den Eltern und der Kriegsvergangenheit mit. Weitere innere Lebensstationen sind die eigene Krebserkrankung sowie das Sterben der Mutter. Zuletzt wird das (Kreative) Schreiben die neue Leidenschaft Christine Fischers.

„Entenhaube“ ist ein sehr vielschichtiges Buch, das durch diese Vielschichtigkeit oft unübersichtlich wirkt. Alles, was zu einem erfüllten Leben gehört, Höhen und Tiefen, Gedanken, Beziehungen, viele Daten und viele Namen, Zeitgeschichte sowie Kritik an Zuständen in Krankenhäusern usw. – all das hat die Autorin hineingepackt. Stellenweise schwer zu lesen, hat Fischer doch ein untrügliches Gespür für Spannungsaufbau und für flüssiges Erzählen, das die Bilder im Kopf der Leser entstehen lässt. Dadurch rührt das Buch manchmal zu Tränen, und auch die vielen Gedichte der Autorin, die in den Text eingestreut sind, präsentieren sich zutiefst aufwühlend. Ein Lebenswille, der immer wieder voller Mut ist und die Kraft findet, den eigenen Weg unbeirrbar weiterzuverfolgen – trotz Hindernissen und Schicksalsschlägen – das ist Christine Fischers Botschaft an ihre Leserschaft.

Christine Fischer, „Entenhaube“, ISBN 978-3-940210-76-0, 15,60 Euro

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*