Jeanne d’Arc des Nahen Ostens?

INGRID LIEZ …

Ich bin wohl eine typische Mama, und es ist mein sehnlichster Wunsch, meine Kinder glücklich und in Sicherheit zu wissen. Dieser Wunsch entspringt jedoch gewiss nicht nur dem Gefühl bedingungsloser mütterlicher Liebe, sondern auch meiner westlich-europäischen Prägung, dass die ungestörte Entfaltung des menschlichen Individuums zu den obersten Zielen gehört, um ein hohes Maß an persönlichem Glück zu erreichen.

Es gibt Völker (und auch Einzelpersonen), bei denen ist dies nicht unbedingt das oberste Ziel. Die Ziele des gesellschaftlichen Kollektivs werden höher bewertet. So kann es eine sehr umstrittene Frage werden, ob es gerechtfertigt sein kann, das Leben eines Kindes dazu einzusetzen, politische Ziele zu erreichen.

Ahed Tamimi, 17 Jahre alt, Palästinenserin, sitzt seit einigen Monaten in einem israelischen Gefängnis, weil sie einen israelischen Soldaten getreten und geschlagen hat. Seit Mitte Januar wird ihr der Prozess gemacht, ihr drohen bis zu 10 Jahren Haft.
Ein Aufschrei ging durch die Presse und die sozialen Medien. Amnesty International forderte ihre sofortige Freilassung, doch Israel bleibt hart. Es spielt damit den Absichten der Palästinenser in die Hände:

Aheds Dorf Nabi Saleh im Westjordanland ist schon berühmt-berüchtigt für den fortgesetzten „friedlichen“ Widerstand gegen die Besatzung, u. a. auch mit wöchentlichen Demonstrationen, Steinewerfen usw. Gerne bringen die Palästinenser ihre Kinder dazu, vor laufenden Kameras israelische Soldaten zu beschimpfen, anzuschreien, zu bespucken oder zu schlagen. Sie wollen eine Reaktion, nehmen auch eine gewalttätige in Kauf, um dann öffentlich sagen zu können: Seht her, so führen sich die Besatzer unseres Landes auf, sie gehen sogar gegen Kinder vor! „Pallywood“ nennen die Kritiker diese Versuche, möglichst grausame Bilder zu inszenieren. Auch Ahed Tamimi war mit zwölf Jahren schon dabei.

Der Vorfall, der zur ihrer Verhaftung führte, geschah am selben Tag, an dem ihr Cousin Mohammad (15 Jahre) aus nächster Nähe von einem Gummigeschoss am Kopf getroffen und schwer verletzt wurde. Das mag ihren Zorn erklären, zumal die Soldaten auch in das Haus der Familie eingedrungen waren. Die israelischen Soldaten wurden dafür gelobt, dass sie auf die Ohrfeigen Aheds nicht reagierten.

Doch es ist klar, dass der Einsatz der blonden, wie ein europäisches Mädchen aussehenden Ahed dazu benutzt wird, die palästinensische Sache in der Weltöffentlichkeit publik zu machen. Gerade der Widerspruch zwischen unserem westlichen Streben nach Individualität und dem Sich-Aufopfern einer jungen Frau, die „wie wir zu sein scheint“ führt zu der weltweiten Medienaufmerksamkeit. Israel wird düpiert, Ahed und ihre Familie werden zu Ikonen des Widerstands stilisiert. Wir bedauern sie, doch wir bewundern sie auch! Auf den Vorwurf, er würde seine Kinder den Gefahren bewusst aussetzen, antwortet ihr Vater Bassem Tamimi: „Wo ist es hier denn schon sicher?“ (www.derstandard.at am 15. 1. 18).

In der Tat müssen sich die Israelis die durchaus gerechtfertigte Kritik gefallen lassen, wie sie in dem ursprünglich den Palästinensern ganz gehörenden Land auftreten. 70 Jahre ist die israelische Staatsgründung jetzt fast her. Die einen feiern, die anderen weinen und betrauern die Gewalttaten, die vielerorts stattfanden, als „Nakba“, als Katastrophe.

In den seit den Oslo-Verträgen zu Beginn der 90er Jahre autonomen palästinensischen Gebieten können Israelis frei ein und ausgehen, die Araber sind mehr oder weniger eingesperrt, werden an Checkpoints kontrolliert, eingeschüchtert und oft einfach nur drangsaliert. Oft sind die schicken weißen Häuser der israelischen Siedlungen (nach internationalem Recht oft illegal!) nicht weit entfernt von den armseligen Behausungen ihrer arabischen Nachbarn.

„In Israel ist eine Regierung an der Macht, die den Konflikt nicht mehr lösen will, sondern sich Palästina nach und nach einverleibt“, schreibt Der Spiegel in seiner Ausgabe Nr. 11/2018. Doch es ist mit Sicherheit der falsche Weg, sich mit Hilfe des Einsatzes von Kindern Vorteile zu verschaffen. Ich als Mutter könnte jedenfalls meine Tochter, die ebenso alt ist wie Ahed, nicht für eine politische Sache opfern.

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