Es bleibt ein Kreuz mit dem Kreuz

INGRID LIEZ …

Vom 1. Juni 2018 an soll in jeder staatlichen Behörde in Bayern ein Kreuz hängen, das besagt ein Kabinettsbeschluss. Nicht in den Amtszimmern, aber im Eingangsbereich – klar erkennbar, aber nicht ständig vor Augen. Ein eindeutiges Signal für die christliche Tradition, freut sich Ministerpräsident Markus Söder.
Aber mal ehrlich: Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeiten des guten alten „Königlich-bayerischen Amtsgerichts“, einer Fernsehserie von 1969, die den Zuschauer aber in die Zeit der legendären Bayernherrscher katapultiert. Damals gab es noch keine Multikulti und keine Islamdebatten. Damals hing in den meisten Amtsstuben ganz selbstverständlich ein Kruzifix, denn das gehörte zur bayerischen oder auch deutschen Identität. „Das Kreuz gehört zu Bayern wie die Berge!“ Damit wiederholt der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber heute seinen Ausspruch von 1995, als das Bundesverfassungsgericht entschied, dass der Staat in Glaubensfragen neutral bleiben müsse (zitiert nach FAZ vom 2. 5. 2018).

Sicherlich trete ich jetzt denjenigen 56 % von Ihnen, liebe Leser, auf den Fuß, die – nach der Umfrage des BR vom 2. Mai – dem Kreuz-Beschluss positiv gegenüberstehen: Der islamische Halbmond und die jüdische Kippa bzw. der Davidsstern etwa gehören doch ebenfalls zu Bayern und zu Deutschland! Gut, wir sind ein christlich geprägtes Land, doch es war noch nie vorteilhaft, wenn der Staat sich in religiöse Belange einmischt oder sogar sich der religiösen Symbolik bedient! Das kann man drehen und wenden wie man will, ob das Kreuz nun in den Zimmern hängt oder in den Eingängen, vor Augen ist es allemal.

Das Kreuz ist ein uraltes Symbol, es geht sogar weit über das Christentum hinaus und ist als eine Art „Weltformel“ bis in die Steinzeit nachweisbar. Es ist die zweifache Verbindung einander entgegengesetzter Punkte. Die vier Himmelsrichtungen sind hier codiert, ebenso wie die Einheit der Extreme Himmel und Erde, oben und unten, Schöpfung und Transzendenz. Oder es zeigt ganz einfach einen Menschen mit ausgebreiteten Armen – komm, ich nehme dich auf und halte dich, ich zeige dir meine verletzliche Seite! Wäre es mit diesen Bedeutungen getan, könnte ich mich mit dem Kreuzzeichen in öffentlichen Räumen gut abfinden.

Aber das Kreuz ist so überfrachtet mit Symbolik auch negativer Art, dass viele Andersgläubige sich abgestoßen fühlen können. Im Namen des Kreuzes wurde gemordet und gefoltert. Jesus selbst ist einer gängigen römischen Hinrichtungsmethode zum Opfer gefallen. Durch ihn wird das Kreuz jedoch wieder zu einem Symbol für Leben und Auferstehung oder sogar Wiedergeburt, wie es im alten Ägypten schon einmal der Fall gewesen war.

Nun wird das bedauernswerte Kreuz erneut instrumentalisiert und muss als religiöses Symbol sogar für die Wahlkampftaktik der CSU herhalten. Sogar kirchliche Vertreter, der Münchner Kardinal Reinhard Marx und der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, kritisieren entschieden die politische Vereinnahmung des Kreuzes. Die Suche nach Identität in der Gesellschaft, die nach Markus Söder von der Politik ernst genommen werden müsse, kann nicht durch das verordnete Aufhängen von Kreuzen beantwortet werden. Sicher, das Kreuz ist – wie auch die Symbole anderer Religionen – ein Zeichen von Kultur. Einer Kultur und Herzensbildung, die für Menschenwürde, Toleranz und Nächstenliebe steht.

Das Kreuz sollte nicht irgendwo herumhängen, sondern „in dem, was wir tun, was wir sagen, zum Ausdruck kommen“, wie es Bedford-Strohm formulierte. Söders Kabinettsbeschluss muss integrationspolitisch unklug bleiben und in zweifelhaftem Licht erscheinen. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen, das wäre nur Wasser auf die Mühlen der AfD.

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