Auf der Suche nach einem Ort zum Leben

INGRID LIEZ …

Da streben Menschen mit aller Kraft auf eine geschlossene Grenze zu. Sie besitzen quasi nur noch das, was sie auf dem Leib tragen, und vielleicht eine Plastiktüte voll Kleider und eine Bettdecke. Sie schleppen ihre Babys und Kleinkinder auf dem Rücken. Sie haben Plastikschuhe an den Füßen und marschieren in 40° Hitze bis zu 50 km am Tag. Warum? Was kann so schlimm sein, dass es ihnen sogar egal ist, wenn der Präsident des Landes, in das sie unterwegs sind, droht, auf sie schießen zu lassen?
So handeln nur Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben. Von den etwa 7000 Migranten, eine neue (nicht die erste!) Flüchtlingswelle, die sich aus Mittelamerika in Richtung USA auf den Weg gemacht hat, haben derzeit ungefähr 3000 in einem Stadion in Mexiko-City Halt gemacht. Sie haben bis Texas noch 1000 km vor sich. Weitere Flüchtlinge, insgesamt etwa 4000, ruhen sich weiter südlich in Mexiko aus (7.11.18, www.spiegel.de).

Jährlich machen sich etwa 500.000 Menschen aus dem Süden auf, um in die USA zu gelangen, Mexiko hat seit 2015 436.000 Menschen abgeschoben, und damit 140.000 mehr als die USA (www.tagesschau.de vom 22.10.18)

Wovor also fliehen diese Menschen? Es heißt, vor Armut, Hunger und Kriminalität. Dürre Worte angesichts des unvorstellbaren Elends, aus dem diese Leute kommen. Die Länder Guatemala, Honduras und El Salvador sind tief gespaltene Staaten. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft sehr weit auseinander. In den Armenvierteln der Städte leben die Menschen in Bretterbuden. Es gibt keine Arbeit, die Korruption ist übermächtig. Täglich gibt es Schießereien und Tote. Es gibt gefährliche Jugendbanden, die andere zwingen, für die Drogenkartelle Auftragsmorde zu begehen. Erpressung, Raub und Vergewaltigung sind an der Tagesordnung. Es gibt keine Hoffnung, kein Wirtschaftswachstum, keine Grundversorgung seitens des Staates, irgendeine Möglichkeit für die Leute, diesem Leben zu entkommen. Also gehen sie, sie „folgen den Reichtümern, die die reichen Länder ihnen gestohlen haben“.

Die Regierungen dieser Länder sind dagegen zunehmend machtlos. Die seit 2003 etablierte „Politik der harten Hand“ kriminalisiert und stigmatisiert die Jugendbanden mit gnadenloser Härte und sorgt damit jedoch zu einem weiteren Ausschluss bestimmter Teile der armen Bevölkerung. Das tiefer liegende Problem der sozialen Ungleichheit wird nicht bekämpft, sondern sogar stabilisiert, um die bestehenden Herrschaftsstrukturen zu sichern (www.iz3w.org).
Seit Jahren gibt es die sogenannten „Hilfsprogramme“ von Seiten reicher Länder wie der USA, doch das Geld fließt nicht in Wirtschaftsprogramme, sondern in Rüstung oder ungenaue, dunkle Kanäle. US-Präsident Trump hat jetzt gedroht, die Gelder zu streichen – doch das tut höchstens den Politikern und Unternehmern weh.

Das Gesamtproblem ist hausgemacht: Seit jeher versuchen die USA die mittel- und lateinamerikanischen Staaten in Abhängigkeit zu halten. Seit dem 19. Jahrhundert geht es im sogenannten amerikanischen „Hinterhof“ um wirtschaftliche und politische Einflussnahme. Besonders in der Zeit des Kalten Krieges (1950er-80er Jahre des 20. Jhs.) kam es durch Angst vor dem Kommunismus zur Unterstützung und Lenkung von Militärputschen und Regierungswechseln oder direkte militärische Interventionen. (Heute wurde man dazu Stellvertreterkrieg sagen!) Massive Menschenrechtsverletzungen durch rechtsgerichtete Militärdiktaturen wurden von den USA billigend in Kauf genommen. Die darauffolgende neoliberale Wirtschaftspolitik von eher bürgerlichen Regierungen wurde ebenfalls begrüßt und führte zu Freihandelsabkommen. Doch der gefühllose Neoliberalismus, in dem die Wirtschaft den Staat formt und nicht umgekehrt, führt zu Geschäftemacherei … So kann von wirtschaftlichem Aufschwung für alle in diesen Ländern bis heute keine Rede sein. Jetzt bekommen die USA die Rechnung präsentiert – für eine zutiefst egoistische Politik.