Kommentar: Bücher mit „akuten Kreislaufproblemen“

INGRIED LIEZ …

Ein Drama spielt sich vor unseren Augen ab – doch die normalen Leser bekommen davon nichts mit: Der größte deutsche Buchzwischenhändler KNV (Koch, Neff & Volckmar) geht in die Insolvenz.

Warum sollte uns das etwas angehen? Die KNV ist „systemrelevant“, wie es so schön heißt, viele Verlage und Buchhändler sind von diesem Unternehmen abhängig, weil sie dort ein Barsortiment halten. Das bedeutet, dass mehr als 590.000 Buchtitel von mehr als 5000 Verlagen quasi über Nacht ausgeliefert werden können. Experten befürchten eine unabsehbare Kettenreaktion in der Branche, wenn der Großhändler in die Knie geht.

Eine mit mir befreundete Buchhändlerin äußerte dann auch vor ein paar Tagen mit Grabesmiene zur KNV-Pleite: „Das ist eine Katastrophe.“ Viele Buchhandlungen und Verlage haben Außenstände bei der KNV, das kann schnell existenzbedrohend werden. Doch nicht nur Bücher, sondern auch Kalender, Spiele und DVDs zählen bei KNV zum Sortiment. „Da KNV ein wichtiger Akteur auf dem Markt ist, hätte es einen spürbaren Effekt auf die Lieferkette, wenn das Geschäft nicht weitergeführt würde“, sagte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (zitiert nach www.taz.net). Amazon ist sozusagen schon in Lauerstellung, um den Löwenanteil der deutschen Buchlogistik an sich zu reißen, heißt es.

Die Branchenkenner sind sich einig, dass die Krise bei dem fast 200-jährigen Familienunternehmen hausgemacht ist und nicht dem Giganten Amazon oder der Digitalisierung und dem damit verbundenen Rückgang der Verkaufszahlen auf dem Buchmarkt in die Schuhe geschoben werden kann, wie man zunächst vermuten könnte. Beides spielt sicherlich eine Rolle, doch stagniert etwa der Handelsanteil mit E-Books nach wie vor bei 5%. Offenbar hat sich die KNV mit Fehlkalkulationen selbst in die Insolvenz getrieben. Das erst 2014 gebaute, riesige Logistikzentrum in Erfurt für 22 Mio. Euro etwa konnte bisher nicht ideal genutzt werden. Das alte Lager in Stuttgart musste weiter herhalten, was hohe Kosten verursachte. Ein Imageschaden musste auch hingenommen werden, als durch einen ZDF-Bericht publik wurde, dass die Firma als Arbeitgeber nicht viel besser sei als Amazon, außerdem soll im Erfurter Lager die Geschäftsführung einen Betriebsrat verhindert haben. Der Ausstieg eines wichtigen Investors vor etwa zwei Wochen gab dann den endgültigen Ausschlag dafür, dass die Banken nicht mehr mitmachten. Ein Insolvenzverwalter ist bis dato nicht benannt worden.

„Die KNV ist als Buchgroßhändler schlichtweg nicht zu ersetzen“, erklärt Verleger Klaus Schöffling im Interview bei www.welt.de. Auch nicht von der Konkurrenz, der es einfach an Lagerkapazitäten fehle. Geht es wirklich nur darum, dass für den Endverbraucher Bücher nicht mehr im 24h-Modus lieferbar sind? „Natürlich haben wir uns daran gewöhnt“, sagt Schöffling, „aber sinnvoll und nötig ist das wohl nur bei Apotheken, nicht im Buchhandel. Wenn man da was zurückfahren kann, was Kosten spart, dann sollte man darüber reden.“

Systemisch steht viel mehr auf dem Spiel. Die kleineren Buchhandlungen und ihre Wirtschaftlichkeit ist viel zu abhängig von dem Barsortimenter geworden, hat sich in eine geradezu „symbiotische Richtung“ entwickelt, schreibt Torsten Casimir auf www.boersenblatt.net am 20. 2. 2019. „Sie reicht weit über logistische Services hinaus, betrifft Betriebsberatung, Fortbildung, Warenwirtschaft, Marktforschung, das Non-Book-Geschäft, bisweilen sogar Hilfen zur Überbrückung finanzieller Engpässe.“ Schuld sei der Marktdruck vergangener Jahre …

Mein Rat an Sie: Erliegen Sie nicht der Versuchung des Branchenriesen „A.“, sondern bleiben Sie Ihrer kleinen Buchhandlung vor Ort treu! Wenn’s mal länger als einen Tag dauert mit dem neuen Buch, ist das gewiss kein Beinbruch, denn Sie müssen ja auch nicht auf den Paketdienst warten. Sie können stattdessen das Bestellte selbst abholen, vielleicht noch bei einem freundlichen Gespräch.