Die Festung Europa – auf Sand gebaut

INGRID LIEZ …

Ich habe schon oft über Flüchtlinge geschrieben. Ich habe mich auch schon oft engagiert, und mir damit nicht nur Freunde gemacht. Mittlerweile bin ich mir bewusst, dass über die Hälfte der Deutschen in Deutschland den Flüchtlingen gegenüber negativ eingestellt ist, auch wenn es vielleicht zunächst nicht den Anschein hat. Der Tenor: „Man muss diesen Menschen helfen. Aber ich vermiete mein Einlieger-Appartment gewiss nur an Deutsche.“

Europa riegelt sich ein. Die Ängstlichen, die Nationalisten und alle, die alles Fremde in ihrem Leben hassen, haben die Oberhand. Vielleicht muss das so sein, damit das Europa, das wir kennen, mit seinem Wohlstand und seinem hohen Lebensstandard so bleibt wie es ist. Die Geschichte hat jedoch immer wieder gezeigt, dass nichts bleibt wie es ist, alles sich verändert, und das Festhalten am Gewohnten meist zu einem noch schnelleren Verfall geführt hat.

„Es ist kompliziert“, schreibt Jonas Schaible in seinem Essay „Wir müssen das Problem Flucht jetzt lösen“ vom 9. 7. 2018 auf www.t-online.de. „Flucht vergeht nicht, löst sich nicht auf. Nur wer das ernst nimmt, hat die Chance, überhaupt etwas zu gestalten.“ Drei Aspekte gebe es unabdingbar zu akzeptieren, fährt Schaible fort: Die tiefe Ungerechtigkeit der Geburt als „größte anzunehmende Zumutung“, dass sich die Fluchtursachen dem europäischen Zugriff entziehen und drittens, dass die Flüchtlinge eine Sonderstellung zwischen dem Innen und dem Außen der demokratischen Politik in Europa einnehmen. Es sei also eine Art Lotteriespiel, wo man geboren wird, Pech oder Glück entscheiden, ob man in einem Wohlfahrtsstaat aufwächst oder in einer brutalen, von Bürgerkriegen zerrissenen Diktatur.

Doch wer an die Sätze des Grundgesetzes glaube, dass alle Menschen „frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ sind, für den kann die momentane ungleiche Verteilung nicht gerecht sein. Und wie könnten wir, zweitens, in den zehn Ländern wie Syrien, Afghanistan, Südsudan oder Eritrea, aus denen 82% aller Flüchtlinge zu uns kommen, eine Änderung herbeiführen, die die Flucht verhindern würde? Auch für die Menschen, die nicht nur vor Verfolgung, sondern aus dem schieren Elend flüchten, könne sich Europa keine Abschreckung einfallen lassen, die abschreckend genug wäre, um das Flüchten zu stoppen.

Und drittens „haben Flüchtlinge eine Sonderstellung: Sie sind außen, aber sie bleiben nicht dort.“ Wir können sie in Lager in Nordafrika einsperren oder in Lagern in der Sahelzone, bis sie endlich „aus den Augen“ sind. Wir können sie auch bei uns in Sammelzentren einsperren und wir können sie, so meine ich, allesamt verteufeln, weil einige von ihnen schwarze und böse „Schafe“ sind.
Doch sie sind nicht aus dem Sinn. Sie sind in unserer Verantwortung, wenn sie zu Tausenden ertrinken und wir einfach in zynischer Weise die Helfer als mitschuldig darstellen. „Wir sind in der Ohnmacht, der Unmöglichkeit einer gerechten Lösung und dem permanenten Angesprochensein.“

Das Problem bleibt, einfach deshalb, weil Menschen in Not immer dahin gehen, wo es ihnen vielleicht etwas besser gehen wird. Die Hoffnung trägt sie. Ihre Kultur und ihr So-Sein nehmen sie mit – und die Menschheit hat sich seit jeher durch Wanderbewegungen kulturell und zivilisatorisch verändert. Unsere Gesellschaft wird sich verändern, wird anders zusammengesetzt sein. Wenn wir uns mit aller Gewalt dagegenstemmen, wird sich der Veränderungsprozess trotzdem mit aller Gewalt eines Tages durchsetzen.

Schaible stellt die alles entscheidende Frage: „Wie viel Wohlstand, Sicherheit und Gewohnheit sind Europas Gesellschaften bereit, aufzugeben, um zu helfen?“ Noch radikaler kann man formulieren: Wie viel Wohlstand müssen wir aufgeben, damit er gerechter verteilt wird, damit wir unseren Anspruch an die Menschlichkeit, wie wir ihn im Grundgesetz formuliert haben, lebendig und wahr erhalten?