Jeder sieht nur das, was er sehen will!

INGRID LIEZ …

„Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.“ Dieses Zitat von George Orwell war einem Schreiben an die LOKAL-Redaktion beigefügt, das ich gut und gerne mal als „Brandbrief“ gegen meine Kolumne bezeichnen möchte. Der Schreiber möchte aufgrund „begrenzter Leidensfähigkeit“ anonym bleiben. Trotzdem möchte ich seine Kritik hier als Anstoß zu weiterer Diskussion nehmen.
Im LOKAL Nr. 12 am 12. September 2018 schrieb ich über die Krawalle in Chemnitz und warf unter anderem die Frage auf, warum die Rechten gerade in Ostdeutschland so leichtes Spiel haben.

Herr „Bernd Leser“ kritisiert meine Schreibweise als „einseitig“ und „emotional“, ich pauschalisierte zu stark und sähe nicht die Kehrseite, nämlich die enormen Verluste und Schäden, die die Republik und ihre Steuerzahler durch die „illegalen“ „Eindringlinge“ davontrüge. Für mich sei „nur Multikulti gut, wer dagegen ist, ist Nazi oder Rassist“.
Soweit Herr „Leser“. Doch warum dieses Pseudonym? Jeder hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. Was befürchten Sie denn, muss ich Sie öffentlich fragen, denn anders kann ich ja nicht antworten. Dass Ihre Nachbarn Sie vielleicht als AfD-Wähler belächeln? Dass nachts der syrische Attentäter zu Ihnen kommt?

Sie haben selbstverständlich das Recht, Zeitungstexte nur oberflächlich zu lesen und misszuverstehen, nur das darin zu finden, was Sie finden wollen. Und Sie haben sogar Recht, ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Aber ich bin auch ein sehr HUMANER Mensch, und ich werde niemals anders können, als die Menschlichkeit über alles zu stellen. Ich sehe nicht Massen und Klischees, ich sehe die Menschen, egal welcher Hautfarbe, egal aus welchem Land, egal ob aus Ost oder West.

Wir sind ein so reiches Land, Herr Leser, und diese Leute sind teilweise so unvorstellbar arm. Was ist natürlicher als zu versuchen, dahin zu gelangen, wo das Leben besser sein könnte? Uns wurde nichts „aufgebürdet“, denn unser Reichtum ist auf diesem Planeten die Ausnahme. Haben Sie persönliche Verluste durch die Flüchtlinge – außer den Steuern, die Sie ohnehin zahlen?
Sicherlich nennen auch Sie sich Christ und gehen ab zu in die Kirche. Ich erinnere Sie an die Lehren Jesu Christi, der selbst nichts besaß und ALLES gab, der seine Feinde liebte und die andere Wange hinhielt.

Es gab für uns keine andere Wahl, als die Menschen aufzunehmen, die Schutz bei uns suchten! Dass schwarze Schafe darunter sind, stellt niemand in Abrede. Was viele hier umtreibt, ist die uralte Angst vor dem Fremden und das Verlangen, dass sich an unserem Leben niemals etwas ändern soll. Die Anzahl der Verbrechen in Deutschland hat sich nicht enorm vergrößert, wie sie behaupten. Das wurde immer wieder berichtet.

Die Angst ist es, die den Blick verstellt, die uns negative Pressemeldungen überbewerten lässt, die uns glauben lassen, alle Ausländer, oder alle Syrer, Iraker, Afghanen, seien schlecht. Ich kenne sehr viele von ihnen, die meisten bemühen sich unsäglich, das schwierige Deutsch zu lernen, Kontakt zu uns zu finden. Mit Vorurteilen ist es jedenfalls nicht getan. Gehen Sie doch selbst zur nächsten Kirchengemeinde und helfen Sie mit, reden Sie mit den Leuten, und Sie werden ein anderes Bild bekommen.
Ich halte nicht Leute für unfähig, sich auf öffentlichem Wege eine Meinung zu bilden, sondern ich sehe die Bilder im Fernsehen und lese die Berichte. War da wirklich keine Hetze, kein Rechtsradikalismus? Was ist die Wahrheit, Herr Leser? Sie sehen die Gefahr für unser Land von den Ausländern ausgehen, ich erkenne die Gefahr für unsere Demokratie von Rechts. Dass Leute, egal von woher, eine harte Hand brauchen, wenn sie gegen unsere Gesetze verstoßen, das stelle ich nicht in Abrede.

Ich habe übrigens nicht schlecht über die Ostdeutschen geschrieben, sondern ich versuche zu verstehen, warum sie so stark auf die rechte Hetze anspringen.

Ich möchte mit meiner Kolumne Denkanstöße geben, Akzente setzen und natürlich auch provozieren, das ist der Sinn eines Textes, der unter dem Motto „Also mal ehrlich“ steht. Ich „dränge“ Ihnen meine Meinung nicht „auf“, Sie müssen es ja nicht lesen, bei Ihnen wird sich im Kopf ohnehin nichts mehr ändern.

Da ist das LOKAL, wie Sie schon schrieben, wirklich gut Ihrer der Altpapiertonne aufgehoben.