Kommentar: Kauf dir ne Kuh?

INGRID LIEZ …

Kennen Sie „Crowdbutching“? „Butching“ steht im Englischen für Schlachtung, der Begriff „Crowd“ heißt „Menge“ und leitet sich von dem aus der Wirtschaft bekannten Wort „Crowdfunding“ ab. Hier geht es um Projekte, Produkte oder Start-ups, die von einer Vielzahl von Menschen finanziell unterstützt und realisiert werden. Beim Crowdbutching geht es um das Schlachten einer Kuh, eines Schweins oder einer Hühnergruppe.

www.kaufnekuh.de verspricht frisches Bio-Fleisch zum günstigen Preis, die Tiere wurden artgerecht gehalten. Wenn sich im Internet 35 Leute gefunden haben, die von einer individuell bezeichneten Kuh (Ohrnummer, Bio-Bauernhof) Teile kaufen wollen, erst dann wird das Tier geschlachtet.

Die Besteller können zwischen verschiedenen Paketen wählen, z. B. im Paket „Mini“ sind ein Roast-Beaf, 4 Steaks, Grillspießwürfel, Rinderhackfleisch, 4 Hamburger und verschiedene Würste – insgesamt 3,5 kg Fleisch für 59,95 €. Bei „Maxi“ ist entsprechend mehr drin, 7 kg für 104,95 €. Insgesamt soll das 14 bzw. 28 Mahlzeiten für zwei Personen ergeben.

Die Bio-Qualität des Fleisches von allen Tieren soll garantieren, dass keine Antibiotika oder Hormone zum Einsatz kamen und das Tier nicht gelitten hat. Nach der Schlachtung reift das Fleisch noch zwei Wochen lang, dann wird es vakuumiert und eingefroren, so dass es zu Hause portionsweise in die Tiefkühltruhe geht. Der einzige Nachteil ist eventuell eine lange Lieferzeit bis zu vier Wochen. Vergleicht man die Preise auch für Hühnerfleisch (hier kostet das Mini-Paket mit vier zerteilten Hühnern 84,95 € und man kommt auf einen Preis pro Mahlzeit pro Person auf 3,54 €) so kann das online zerteilte Tier durchaus mit Discounterpreisen mithalten. Grundsätzlich sollen Angebot und Nachfrage beim Crowdbutching zu 100% übereinstimmen, nichts wird verschwendet, Innereien und Knochen gehen an die Tierfutter-Industrie. Es gibt also keine Überproduktion.
Dafür hat Crowdbutching 2018 den Bundespreis von „Zu gut für die Tonne – Engagement gegen Lebensmittelverschwendung“ erhalten. Zugegeben – eine clevere und auch sinnvolle Geschäftsidee, die offensichtlich von vielen Fleischliebhabern inklusive Tim Mälzer sehr gelobt wird. Kaufnekuh „zielt auf exakt jenes Bedürfnis ab, das in den vergangenen Jahren, befeuert durch Dutzende Fleischskandale, immer stärker gewachsen ist: Eine steigende Zahl an Konsumenten will wissen, wo ihr Fleisch herkommt“, so heißt es auf www.schlaraffenwelt.de.

Verständlich – doch ist es hier wirklich anders? Mag sein, dass man online die Menschen und die Bauernhöfe sehen kann, bei denen die Tiere gelebt haben. Um nachzuprüfen, ob alles stimmt, müsste man hinfahren. In den Kommentaren, obwohl zum größten Teil positiv, tritt einiges zutage: Hier wird häufig die Qualität des Fleischs bemängelt, für das es nun doch zu teuer sei. Es werde außerdem viel zu viel Plastik verwendet, um das Fleisch zu verpacken, 50% der Kuh-Pakete bestünden ohnehin aus „Schredderfleisch“, bei dem man ja nicht sehen könne, um was es sich handele. Und auch, wenn die Kuh in Bayern gelebt hat, sie wird „in einem kleinen Schlachthof in Baden-Württemberg“ geschlachtet und in den Niederlanden verpackt. Also mal ehrlich – sie hat also doch schon mal eine kleine Europareise auf dem Buckel, bevor sie beim Verbraucher landet.

Die Vorstellung, die einem im Internet suggeriert wird, dass da eine echte Kuh mit sanften braunen Augen auf der Weide steht, die schnaubend das Gras mit ihrem samtweichen Maul abmäht, lässt mir persönlich schon den Appetit vergehen. Die Kuh zu zerteilen erscheint mir fast schon unethisch, denn Tiere sind (oder sollten es zumindest sein) Lebewesen, die ein Recht auf Würde und Leben haben.
Im Grunde darf ich gar nicht mitreden, denn aus genau diesem Grund bin ich Vegetarierin.

Allerdings kann ich Menschen verstehen, die es – sicherlich aufgrund von genetischen Voreinstellungen – unwiderstehlich nach Fleisch gelüstet, obwohl wir es ernährungsphysiologisch heute gar nicht mehr brauchen.

Warum dann aber den Umweg über das Internet gehen? Direkt vor Ort gibt es Bauernhöfe und auch Metzger, die Ihnen ganz genau sagen können, wo das Fleisch herkommt und wie das Tier gelebt hat. Da bekommen Sie auch alles abgepackt, so wie Sie es wünschen – für die nächste Grillparty oder die nächste Wochenration zum Einfrieren. Mehr braucht’s doch gar nicht.