„Marktwirtschaftliche Knappheitspreise“

INGRID LIEZ …

Wenn ich zur Arbeit fahre, begegne ich an drei Tankstellen immer dem gleichen Spiel: Morgens ist der Preis hoch, abends etwas niedriger. Auf keinen Fall sollte man Samstagmorgens tanken! Mal ehrlich: Denkt man über die Spritpreise nach, hat man das Gefühl, die Bürger sind die Spielbälle von Staat und Industrie.

In den letzten Wochen bewegt sich der Preis – ob für Super E10 oder Diesel – zwischen 1,56 und 1,61 €: Exorbitant im Vergleich zum Jahresbeginn. Dabei besteht auch ein Preisgefälle zwischen dem Norden und Süden Deutschlands. Am 15.11.2018 etwa kostete Benzin in Hamburg 1,439 €, Diesel 1,329 €. In Bayern dagegen 1,576 bzw. 1,515 € (Quelle: www.autozeitung.de). Wieso ist das so?

Der Benzinpreis ist eine schwierige Größe, je mehr man darüber recherchiert, desto schwerer wird er fassbar. Wie setzt er sich überhaupt zusammen? Aus 47% Energiesteuer sowie 22% Umsatzsteuer – der Rest geht an die Mineralölindustrie und bezeichnet also den Posten, der immer wieder stark schwankt, während die Steuern (relativ!) fix sind.

Für den hohen Preis werden das trockene Wetter und das damit verbundene Niedrigwasser des Rheins sowie die Gegebenheiten auf dem Weltmarkt verantwortlich gemacht (obwohl der Transport auf dem Wasserweg nur 6 Cent pro Liter Öl ausmacht).

Zum ersten Grund: „Es geht um eine Engpasssituation bei Diesel und Benzin – vorrangig im Westen und Süden.“ So wird ein Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbandes auf www.spiegel.online.de am 23.11.18 zitiert.

Der Kraftstoff könne nicht in üblichen Mengen aus Rotterdam in den Süden zu den Raffinerien transportiert werden, weil die Schiffe nicht voll beladen werden dürfen. Allerdings habe man immer noch eine „gut funktionierende Binnenschifffahrt“, sagt ein Sprecher des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt. Die Versorgung der großen Raffinerien laufe weiter. Dies kann also nicht der einzige Grund für den hohen Preis sein!

Das Öl ist momentan knapp auf dem Weltmarkt. Schuld daran sind die verschiedensten Faktoren. Die Fördermenge an Rohöl ist in den OPEC-Ländern zurückgegangen, der OPEC-Staat Venezuela macht eine schwere Wirtschaftskrise durch, die für Produktionsausfälle sorge, heißt es auf autozeitung.de. Schuld sind auch die Sanktionen Donald Trumps gegen den Iran, der dadurch kein Öl exportieren könne (www.welt.de vom 16.8.18).

Ein weiterer Grund für den Anstieg der Spritpreise liege in den sinkenden Wechselkursen des Euros gegenüber dem Dollar, berichtet der ADAC. Da Rohöl in Dollar gehandelt wird, würden die Importe für Deutschland somit teurer.
Verwirrt ist man jedoch angesichts der Tatsache, dass der Rohölpreis im Oktober abgestürzt ist. An den globalen Ölbörsen ist der Preis für ein Barrel (159 Liter, Sorte Brent) von 85 auf 63 US-$ gesunken. An deutschen Tankstellen hingegen bleibt der Preis hoch. Hier stößt man wieder auf die Argumentation „Rhein-Niedrigwasser“.

Beteiligt an der nebulösen Größe „Benzinpreis“ sind ebenso unzählige Zwischenhändler, Subunternehmer, Börsenanalysten. Auch die sogenannten Preisinformationsdienste OMR (Oil Market Report) oder Platts (notiert in Dollar) fassen in verschiedenen Zeitabständen die wichtigsten Entwicklungen auf den Ölterminbörsen zusammen und senden diese Informationen an die Unternehmen. Sicherlich entstehen auch dadurch Spielräume für Interpretation. Und im Kursgeschäft wirkt sich auch die analysierende Beobachtung auf die Entwicklungen mit aus!

Die Protestaktionen auf sozialen Plattformen, von wütenden Bürgern, die zu Boykottmaßnahmen aufrufen, jucken die Mineralölkonzerne nicht.
Der ADAC kritisiert zusätzlich den mangelnden Wettbewerb auf der Ebene der Raffinerien und Konzerne. Und um überleben zu können, müssen die Zapfsäulen-Inhaber an den Tankstellen rund um die Uhr nach der Konkurrenz ein paar Straßen weiter schauen. Sie drehen als Letzte an der Preisschraube, aber natürlich sind sie es nicht selbst, sondern die Beobachter des regionalen bzw. lokalen Markts, die ihre Anweisungen geben.

Und wann tankt man nun wirklich am günstigsten? Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat nachgewiesen: Der Sprit ist um 23.00 Uhr am teuersten. Sparen kann man, wenn man zwischen 18.00 und 19.00 Uhr an der Zapfsäule haltmacht.