Schlaflos in Deutschland

INGRID LIEZ …

„Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht …“ so schrieb Heinrich Heine 1844. Er war eigentlich kein Dichter des Vormärz, und doch träumte er in dem ironisierenden Gedicht von den Leichen seiner geliebten Freunde, die seit seiner Abwesenheit in der Heimat gestorben sind. 1848 folgte dann die Revolution …
Mal ehrlich, auch heutzutage bleibt man angesichts der Vorkommnisse in Chemnitz und anderswo schlaflos: Was wird passieren, wenn der rechte Rand sich weiterhin organisiert und unser Staat ihm nicht endlich wirksam Einhalt gebietet? Als „Laborversuch der neuen deutschen Rechten“ bezeichnet Gerhard Spörl von t-online die aufgeheizten Massen in der früheren „Karl-Marx-Stadt“. Nur scheinbar beruhigend ist da der Hinweis, dass die Rechte bei der letzten Wahl zum Stadtparlament dort insgesamt doch „nur“ auf 11,3 % kam.

Selbstverständlich sind nicht alle Ostdeutschen oder alle Chemnitzer rechtsradikal. Und trotzdem ist es erschreckend, dass in Deutschland wieder auf offener Straße der Hitlergruß gezeigt wird und ausländisch anmutende Menschen angegriffen werden. Warum ist die Staatsmacht in Chemnitz zunächst so machtlos dagegen gewesen?

Wir alle haben in der Schule gelernt, dass es bei uns eine Zeit gab, in der Menschen systematisch gehetzt, vertrieben oder umgebracht wurden. Haben die Ostdeutschen weniger aufgepasst als „Wessis“? Liegen wir alle wirklich in einem „diskursiven Wachkoma“, wie Außenminister Heiko Maas in der Bild am Sonntag kritisierte, aus dem es gelte, aufzuwachen? „Es hat sich in unserer Gesellschaft leider eine Bequemlichkeit breitgemacht. Da müssen wir auch mal vom Sofa hochkommen und den Mund aufmachen.“
Recht hat er, und Gott sei Dank sind im Chemnitz bereits 65.000 vom Sofa hochgekommen und haben bei dem Benefizkonzert „Wir sind mehr“ Farbe bekannt. Aber noch einmal: Warum finden Rechte immer wieder gerade im Osten (man denke auch an Dresden, Freital, Cottbus) einen günstigen Nährboden? Der Landesbeauftragte der Konrad Adenauer-Stiftung in Sachsen, Joachim Klose, erkennt im Interview mit t-online eine Gesellschaft „in Schieflage“.
Nach der gewaltigen Umwälzung im Zuge der Wende sei es zu einer allumfassenden Orientierungslosigkeit gekommen. Der Werteverfall und das zunehmende Verschwinden von sinnstiftenden Strukturen wie Familie und Arbeit habe die Gesellschaft bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen.
Dann kamen Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Veränderungen in der Medienlandschaft. Klose erinnert auch an die massive Abwanderung von jüngeren Menschen in den Westen.
„Chemnitz ist heute die Großstadt mit dem höchsten Durchschnittsalter in Europa, 50 bis 51 Jahre.“ Ebenso gebe es einen Männerüberschuss in Sachsen von 11 %, das politische Engagement sei gleich Null. Die Menschen in Ostdeutschland hätten auch bis heute nicht verinnerlicht, dass demokratische Prozesse sehr viel mehr Zeit benötigen als Entscheidungen in einer Diktatur. Ostdeutsche seien „radikalisierter und aufgrund der eigenen Demokratieerfahrung weniger kompromissbereit“.

Hier habe die Politik versagt und nicht auf den massiven Verlust von Sinnstrukturen reagiert. „Sie hat ignoriert, was die Menschen emotional bewegt. Jetzt, viele Jahre später, taucht das plötzlich auf.“

Und wird zur Gefahr für das gesamte System, denn hinzu kommt, dass „Sinnverlust“ in unserer sich rasend schnell verändernden Gesellschaft innerhalb einer zunehmend manipulativen Medienlandschaft zur Grundproblematik gehört. Vom Sinnverlust zum Demokratieverlust? Um es mit Heine zu sagen: Das Land bleibt, doch die „alte Frau kann sterben“, und wer ist sie, wenn der Dichter nicht nur seine Mutter gemeint hat, als Deutschland selbst und – auf die heutige Zeit bezogen – die deutsche Demokratie? So bleiben viele schlaflos in diesen Tagen und fürchten um das, was in der Nachkriegszeit mühevoll aufgebaut wurde.