Zu dumm und faul zum Lesenlernen?

INGRID LIEZ …

Knapp 1/5 unserer Kinder lernen nicht mehr richtig lesen. Das kann doch nicht wahr sein! Wo bleibt der deutschlandweite Aufschrei?

In unserer städtischen Bücherei (nicht LK Schwandorf), wo ich neben meiner Tätigkeit für LOKAL arbeite, haben wir ein breit gefächertes Angebot für Kinder und Jugendliche. Besonders viel genutzt wird es nicht, setzt man unsere Leserzahlen im Verhältnis zu den Schülerzahlen der Region. Höchstens 10% aller Schülerinnen und Schüler, schätze ich, leihen sich regelmäßig Bücher aus. Auch nur sehr wenige Eltern von Kleinkindern machen sich die Mühe und kommen mit ihren Sprösslingen zu uns. Und wer von Kindesbeinen an von zu Hause aus nicht zum Lesen und zu Büchern hingeführt wurde, der macht sich auch später nichts aus ihnen.

Wer ist schuld daran, dass momentan 19% aller 10-Jährigen nicht richtig lesen können? In erster Linie die Schulen, so liest man in einem aufrüttelnden Artikel von Kirsten Boie, bekannte Kinderbuchautorin, in der „Zeit“ vom 31. Mai 2018.

Schonungslos schreibt Boie, dass Kinder aus sozialen Brennpunkten oder mit Migrationshintergrund schlechter lesen lernen als solche aus Familien und Gegenden mit höherem Einkommen.
Das Lesenlernen „hängt massiv von der sozialen Herkunft ab“, und: „Das klingt diskriminierend? Das ist die Realität.“

Sie erlebe selbst den gravierenden Unterschied, wenn sie in die verschiedensten Schulen gehe, um aus ihren Büchern vorzulesen: Die einen haben beim Zuhören „vor Spannung rote Wangen“, die anderen hören nur aus Höflichkeit zu, „in ihren Köpfen entstehen keine Bilder, sie empfinden keine Spannung.“

Gut findet Boie, dass nach dem Pisa-Schock jede Menge Leseförderungsprojekte ins Leben gerufen worden sind, doch das alles sei offensichtlich immer noch nicht genug, denn in den Schulen fehlt das Geld für die Leseförderung immer noch überall und es sind nicht genügend Lehrkräfte da, um die „gefährdeten Kinder“ in kleinen Gruppen intensiv zu betreuen.

Aber ist es nicht auch, so meine ich, das Elternhaus, das maßgeblich beteiligt ist an der fehlenden Lesefähigkeit? Gestresste Eltern, beide berufstätig, ein überfordernder Alltag – was ist einfacher, als das Kind vor den Fernseher oder die Spielekonsole zu setzen, ihm schon frühzeitig das begehrte Smartphone zu besorgen, damit man als Eltern „mal seine Ruhe hat“?

Wer nicht liest, bei dem entstehen keine Bilder im Kopf, er entwickelt keine Fähigkeiten, komplexe Zusammenhänge zu verstehen.
Lesen erhöht die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, denn wir erleben das innere Fühlen der handelnden Personen, schreibt Boie. Immer wieder spiegelt man sich selbst und seine Einstellungen im Verhalten der Personen und vergleicht: Daher können sich Wert- und Moralvorstellungen herausbilden, die Einfluss auf das eigene Leben haben.

„Jede komplexe Tätigkeit erfordert Übung“, so Boie weiter, „da ist Lesen nicht anders als Skifahren, Tennis oder Fußballspielen.“ Sind wir als Eltern zu müde oder schlichtweg zu faul geworden, unserem Nachwuchs den mühevollen Prozess des Übens schmackhaft zu machen oder zumindest ihm eine gewisse Anstrengung abzunötigen? Werden wir immer mehr zu einer Gesellschaft von Schwächlingen mit Smartphones in der Hand, deren Apps uns das Denken abnehmen und die unsere Sprache verkommen lassen, weil wir uns nur noch in Kurznachrichten ergehen?

In unsere Bücherei kommen gottlob noch viele Menschen, auch solche mit Migrationshintergrund, die lerneifrig sind und ihre Kinder zum Lernen anleiten. Vielleicht sollte man – von der Notwendigkeit von mehr Personal und Fördermittel abgesehen – von Seiten der Schulen mal zu mehr Reglementierung greifen: Handyverbot, obligatorische Info-Elternabende, Lesepflicht, Zusatzunterricht.

Etwas muss geschehen, denn unsere Kinder sind nicht dumm. Sie werden aber durch mangelnde Förderung „dumm“ gemacht!