Die Stärken und nicht Schwächen von Mitarbeitern sind entscheidend

21-Jähriger mit Handicap kümmert sich in Teublitz um Pflegebedürftige

TEUBLITZ (sr). Anderen Menschen zu helfen ist für Jonas Steiner eine Herzensangelegenheit. Der 21-Jährige arbeitet seit rund zweieinhalb Jahren im Seniorenzentrum Haus Phönix in Teublitz. Dort kümmert er sich um demenzkranke Patienten.

Werben dafür, auch Menschen mit Handicap eine Chance in der Arbeitswelt zu geben (von links): Matthias Schießl (ifd), Jonas Steiner (Haus Phönix Teublitz), Elwira Unger (Haus Phönix Teublitz), Bernhard Lang (Arbeitsagentur) und Stefan Fuchs (Arbeitsagentur). Foto: Andre Stephan-Park/Agentur für Arbeit

Dass der junge Mann einen wichtigen Beitrag leisten kann, liegt auch an seinem Arbeitgeber. Dieser hat erkannt, dass es sich lohnt, die Stärken und nicht die Schwächen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Blick zu nehmen.

Teublitz. „Ich liebe meine Arbeit. Wenn ich frei habe, würde ich am liebsten auch herkommen. Oft bin ich schon eine Stunde vor Arbeitsbeginn in der Einrichtung, trinke einen Kaffee mit den Bewohnern und höre zu, wie es ihnen geht. Ich erfahre hier sehr viel Zuneigung, Dankbarkeit und auch Akzeptanz“, erzählt Jonas Steiner von seiner Arbeit als Helfer in der sozialen Betreuung.

Steiner ist ein willensstarker und lebensfroher junger Mann, für den schon lange klar war, dass er „unbedingt im sozialen Bereich“ arbeiten wollte. Dies musste er sich allerdings gegen Widerstände erarbeiten. Er leidet an einer starken Lernbeeinträchtigung aufgrund einer angeborenen Behinderung. „Als Mensch mit Handicap habe ich oft gehört: Das kannst du nicht, das brauchst du gar nicht erst versuchen. Ich habe geantwortet: Lasst es mich doch wenigstens versuchen, ich beweise euch, dass ich es kann.“ Gesagt getan, absolvierte er ein Praktikum beim Bayerischen Roten Kreuz, nahm an einer von der Agentur für Arbeit geförderten Berufsorientierungsmaßnahme in einem Burglengenfelder Seniorenheim teil – und arbeitet nun unbefristet im Seniorenzentrum Haus Phönix in Teublitz.

„Am Anfang gab es teils Bedenken bei einzelnen Kollegen und Bewohnern, ob sich ein Mitarbeiter mit Handicap um andere Menschen kümmern kann. Als sie Jonas kennengelernt haben, sind die Bedenken schnell verflogen. Er hat einen super Draht zu allen und kommt immer mit einem Lächeln und Freude zur Arbeit. Jonas zeigt großes Engagement. Dadurch wurde er schnell ein Teil des Teams. Sein Einsatz geht sogar so weit, dass wir ihn manchmal bremsen müssen, damit er freie Tage auch nimmt und nicht trotzdem zur Arbeit kommt oder sich schon vor Dienstbeginn um die Bewohner kümmert. Ich würde mir wünschen, dass auch andere Arbeitgeber Menschen mit Behinderung eine echte Chance geben zu zeigen, was sie können“, sagt Elwira Unger, Einrichtungsleiterin im Haus Phönix.

Steiner unterstützt die Bewohner zum Beispiel beim Essen, geht mit ihnen Spazieren, unterhält sich mit ihnen und motiviert sie bei Gruppenübungen und Gymnastik. Kurzum: Er ist für die Bewohner da und schenkt ihnen Zeit. Damit entlastet Steiner die Pflegefachkräfte, die sich auf andere Aufgaben konzentrieren können.

Dies ist gerade im Gesundheits- und Pflegebereich wichtig. Die Personaldecke ist in vielen Einrichtungen eng, neues Personal kaum zu finden. Im vergangenen Jahr waren für die Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege im Landkreis Schwandorf im Schnitt knapp 50 offene Stellen für Fachkräfte gemeldet. Dem gegenüber standen lediglich zehn Fachkräfte in den Berufsfeldern auf Arbeitssuche.

Das Haus Phönix in Teublitz hat daher gemeinsam mit der Agentur für Arbeit Schwandorf und dem Integrationsfachdienst Oberpfalz (ifd) alternative Besetzungsstrategien in den Blick genommen. „Was oft nicht bei Bewerbungen bedacht wird: Die Einstellung eines Mitarbeiters ist nicht der Abschluss der Entwicklung, sondern der Startschuss. Jonas befindet sich in einer Lern- und Entwicklungsphase. In ihm steckt noch mehr Potential, um weitere Aufgaben zu übernehmen. Unser Ziel ist es, dass Jonas eine Betreuungsassistenten-Ausbildung absolviert“, sagt Elwira Unger.

Matthias Schießl, Berater des Integrationsfachdienstes Oberpfalz hat Steiner auf seinem Weg von der Förderschule in den ersten Arbeitsmarkt dreieinhalb Jahre lang begleitet. „Was mir sofort aufgefallen ist, war die hohe Motivation von Jonas. Er wollte so viel erreichen wie möglich. Gemeinsam haben wir besprochen, was in Frage kommt und nach einem Arbeitgeber geschaut, der zu ihm passt“, berichtet Schießl.

Dabei hat der Integrationsberater eng mit der Agentur für Arbeit Schwandorf zusammengearbeitet. „Die Gesellschaft und Wirtschaft können es sich heute nicht mehr leisten, Potentiale von Menschen ungenutzt liegen zu lassen. Als Arbeitsagentur unterstützen wir mit unseren Netzwerkpartnern wie dem Integrationsfachdienst gerne Arbeitgeber dabei, für Arbeitnehmer mit Handicap einen passenden Arbeitsplatz zu finden oder bei Bedarf eine geeignete Nische zu schaffen. Dies leistet ebenso einen Beitrag zur Arbeitskräftesicherung wie zum Beispiel klassische Ausbildungen oder die Einstellung von Fachkräften. Daher richten wir während des Sommers der Be-rufsausbildung den Blick der Arbeitgeber auch auf diese Optionen, um Unternehmen bei der Stellenbesetzung zu helfen“, sagt Bernhard Lang, Geschäftsführer Operativ der Agentur für Arbeit. Jonas Steiner und sein Arbeitgeber werden von der Agentur mit einem Eingliederungszuschuss sowie Mitteln der Unterstützten Beschäftigung gefördert.

Stefan Fuchs kennt das Haus Phoenix bereits aus seiner Zeit im Arbeitgeber-Service von Arbeitsagentur und Jobcenter. Nach seinem Wechsel ins Reha-Team, das sich um die Integration von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt kümmert, beriet er Elwira Unger zu den Fördermöglichkeiten und begleitete die Einstellung von Jonas Steiner. „Im Bewerbungsprozess spielen oft formale Qualifikationen eine stärkere Rolle als Talente und Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Deshalb möchten wir ausdrücklich Unternehmen dazu ermuntern, auch Menschen mit Handicap eine Chance zu geben. Davon profitiert am Ende der ganze Betrieb, wie Herr Steiner und viele andere Arbeitnehmer mit Behinderung tagtäglich unter Beweis stellen“, betont Fuchs. „Es lohnt sich, auf die Stärken und nicht die Schwächen von Menschen zu schauen“, sind sich alle Beteiligten sicher.