Appeasement funktioniert nicht!

INGRID LIEZ …

Der Begriff „Appeasement“ gehört zu den großen Warnsignalen der europäischen Geschichte. Der Begriff kommt vom englischen „appease“ für „beschwichtigen“. Gemeint ist damit eine Politik des Nachgebens gegenüber aggressiven Staaten – in der Hoffnung, Konflikte zu vermeiden. Ihr bekanntestes Beispiel ist das Münchner Abkommen von 1938. Bis heute zeigt es, dass eine Politik der Zugeständnisse, um eine militärische Konfrontation zu vermeiden, trotzdem in eine solche münden kann. Heute ist der Begriff eindeutig negativ besetzt, denn ein Nachgeben gegenüber Diktatoren gilt (eigentlich!) als verpönt.

1938 trafen sich die Regierungschefs Deutschlands, Großbritanniens, Frankreichs und Italiens in München. Das Ergebnis: Adolf Hitler durfte das Sudetenland annektieren – ein Gebiet der damaligen Tschechoslowakei mit vielen deutschsprachigen Bewohnern. Die Tschechoslowakei selbst saß bei den Verhandlungen nicht einmal am Tisch. Der britische Premierminister Neville Chamberlain ging auf Hitlers Forderungen ein, weil er glaubte, damit einen neuen Krieg verhindern zu können. Der Erste Weltkrieg lag erst zwei Jahrzehnte zurück. Chamberlain hoffte, Hitler würde nach diesem Zugeständnis zufrieden sein.
Wir wissen heute, wie falsch diese Hoffnung war. Nur ein halbes Jahr später im März 1939 besetzte Hitler auch den Rest der Tschechoslowakei, nur ein Jahr später begann er mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg.

Also mal ehrlich: Die Lehre aus dieser Geschichte ist unbequem, aber klar: Wer vor aggressiven Autokraten einknickt, signalisiert Schwäche. Zugeständnisse werden nicht als Einladung zum Frieden verstanden, sondern als Ermutigung, noch weiterzugehen.

Natürlich lassen sich historische Situationen nie eins zu eins vergleichen.
Die Welt von heute ist nicht die von 1938. Dennoch wird der Begriff Appeasement immer dann hervorgeholt, wenn Demokratien vor der Frage stehen, wie sie mit autoritären Machthabern umgehen sollen. Auch im Umgang mit Russlands Präsident Putin taucht dieser Vergleich auf – etwa rückblickend auf die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014: Sie wurde von den anderen europäischen Staaten zwar als ein Bruch des Völkerrechts bezeichnet, die Reaktion blieb jedoch zurückhaltend. So kann auch die lange energiepolitische Abhängigkeit Europas von Russland als eine Form von Appeasement gesehen werden: Zu lange meinte man in Europa, es ginge hierzulande nichts ohne russisches Gas. Sicher ist die wirtschaftliche Lage dadurch heute schwierig, aber hätte man nachgeben sollen? Hat Appeasement heutzutage nicht sehr viel mit Geschäftemacherei zu tun?
Und schon wieder stehen wir durch den aktuellen Iran-Krieg vor der Frage: Soll russische Energie wieder vermehrt in den westlichen Handel fließen, um die Preise zu drücken, und sollen die Sanktionen gelockert werden?

Kritiker sagen, der Westen habe zu lange gehofft, Konflikte durch Dialog und wirtschaftliche Verflechtung entschärfen zu können. Andere warnen davor, den Begriff Appeasement zu schnell zu verwenden, weil die Lage heute deutlich komplexer ist als in den 1930er Jahren.

Denken wir an US-Präsident Trump, der ohne Notwendigkeit für das eigene Land (für das iranische Volk sieht es allerdings anders aus) einen Krieg gegen den Iran begonnen hat, der ihm jetzt zu entgleiten droht. Ist es Appeasement, wenn wir Europäer ihn kritiklos „machen lassen“, um Amerikas Unterstützung nicht zu verlieren? Wenn Europa schweigt, wenn Trump Selensky zwingen will, auf Putins Forderungen einzugehen? Wenn Friedrich Merz bei seinem Besuch in Washington wie ein verspäteter Chamberlain schweigend neben Trump im Oval Office sitzt?

Also mal ehrlich: Diplomatie ist wichtig, und niemand kann ein Interesse an Eskalation haben. Aber Geschichte zeigt auch, dass Nachgiebigkeit gegenüber aggressiven Autokraten selten Frieden schafft. Wer Stärke zeigt und klare Grenzen setzt, verbessert seine Position. Wer dagegen zu lange zögert oder Schwäche signalisiert, riskiert am Ende genau das Gegenteil von dem, was er verhindern wollte.

Die Lehre aus München 1938 ist unbequem, aber eindeutig. Wer vor Machtpolitik zurückweicht, lädt sie ein, weiterzugehen.