INGRID LIEZ …
Am 26. April 1986 war schönes Wetter über Deutschland. Es war ein Samstag, und ich unternahm gemeinsam mit meiner Mutter einen Ausflug an den Rhein. Wir genossen die Wärme und die schöne Aussicht über das Rheintal, den Fluss und die Wälder ringsum. Nichts deutete daraufhin, dass sich in der vorhergehenden Nacht in einem ukrainischen Atomkraftwerk eine Katastrophe ereignet hatte, die Europa für immer verändern würde.
Der Super-GAU in Tschernobyl steht für den bisher größten Unfall in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie. In Block 4 des Kraftwerks kam es zu einer vollständigen Kernschmelze. Durch die daraus folgenden Explosionen wurde radioaktives Material in die Luft gestoßen, welches die gesamte Umgebung kontaminierte und sich über Europa verteilte. Das Gebiet um den Reaktor ist bis heute unbewohnbar.
Die Männer, die sofort in das Kraftwerk geschickt wurden, um Schäden abzumildern, starben wenige Tage oder Wochen später qualvoll an der Strahlenkrankheit. Tausende verloren in den folgenden Monaten und Jahren ihr Leben, je nachdem, wie stark sie verseucht worden waren. Krebserkrankungen, Missbildungen bei Neugeborenen und genetische Schäden gehören zu den Spätfolgen. Große Gebiete Weißrusslands, der Ukraine und Russlands sind bis heute hoch strahlenbelastet.
Auch in der DDR und in der BRD veränderte der bis dato größte GAU den Alltag der Menschen. Da Ostwind vorherrschte, traf ein radioaktiver Regen vor allem Bayern und Baden-Württemberg. Von da an war unser Leben von Unsicherheit geprägt: „Kann ich das Gemüse noch essen? Wie weit ist von uns das nächste AKW entfernt und passiert uns etwas bei einem GAU?“
Drastische Maßnahmen wurden verhängt: Insbesondere Blattgemüse wie Spinat und Salat wurde vernichtet oder durfte nicht mehr verkauft werden. In der DDR mussten Gartenbesitzer häufig ihre gesamte Ernte vernichten. Erde wurde meterweise abgegraben. Frischmilch war überall hoch belastet. In Westdeutschland wichen Eltern auf H-Milch oder Milchpulver aus der Zeit vor dem Unfall aus. Viele Menschen mieden Pilze, Beeren und Wildfleisch komplett. Eltern wurde geraten, Kinder nicht im Sandkasten oder auf Wiesen spielen zu lassen, da radioaktive Partikel im Boden hafteten. Die Angst vor unsichtbaren Gefahren führte zu tiefer Verunsicherung.
Einige Auswirkungen halten bis heute an oder führten zu bleibenden strukturellen Änderungen: Auch 40 Jahre später sind Wildpilze und Wildfleisch (besonders Wildschwein) in Gebieten wie dem Bayerischen Wald noch immer über den Grenzwert belastet.
In Westdeutschland führte die Katastrophe zur Gründung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Sie gab der deutschen Opposition gegen Kernkraft massiven Auftrieb und legte den Grundstein für den späteren Atomausstieg. Doch dafür „musste“ letztendlich noch eine weitere Katastrophe passieren: Fukushima (Japan) im Jahre 2011.
Tschernobyl ist wohl der bekannteste Atomunfall. Weltweit gab es neben Fukushima weitere folgenschwere Unfälle in AKWs zwischen 1945 und 1999, allein sieben weitere in der Sowjetunion und acht in den USA, zwei in Großbritannien, einen weiteren in Japan, sowie je einen in Kanada, Brasilien, Frankreich, Belgien und im heutigen Tschechien (Quelle: www.bpb.de).
Die Szenarien des vom Menschen verursachten Klimawandels scheinen heutzutage zu einer Renaissance der Atomenergie-Erzeugung zu führen. Bestimmte politische Gruppierungen befürworten auch hierzulande die Reaktivierung von Atomkraftwerken. Denn Atomstrom ist billig und leicht zu erzeugen – doch noch immer bleibt die Produktion hochgefährlich und birgt Sicherheitsrisiken. Für viele Menschen ist dennoch ein AKW wieder eine gute Alternative, auch wegen der zur Neige gehenden Rohstoffvorräte und der fragilen Lage in Nahost. Sie bezweifeln, dass unser Energiebedarf allein mit sicheren, erneuerbaren Energien abgedeckt werden kann.
Doch ist der Preis, den wir an unsere Sicherheit zahlen müssen, auch für unsere Kinder und Enkel nicht viel zu hoch?
Also mal ehrlich: Tschernobyl vor 40 Jahren mahnt uns, vorsichtig zu sein.
