Sie liegen im Dreck. Haben sich mit alter Pappe und halb zerrissenen Plastikplanen Unterstände gebaut. Sie essen aus dem Müll, und um sie herum türmt sich der Müll und es stinkt. Dazu rauscht das Meer, spülen die Wellen an den schmutzig-grauen Strand – keine romantische Kulisse, sondern emotionslose Natur angesichts menschlichen Schicksals. Diese Menschen haben nichts mehr zu verlieren. Denn jetzt stecken sie in der Falle – in die sie durch bunte und verlockende Bilder im Internet geraten sind. Sie scrollen durch ihr Smartphone. Sie sehen darin die Welt, in der WIR leben. Und wollen diesen schönen Traum nicht aufgeben.
Sie sehen unseren Wohlstand, unser funktionierendes System, die wunderbare Welt des Konsums. Im Netz wirkt dieses gute Leben wie ein Versprechen, das zum Greifen nah ist. Wenn man in Armut aufwächst, ohne Hoffnung auf Besserung – kann man es diesen Menschen verdenken, dass sie dorthin wollen, wo das Leben schöner ist? Also mal ehrlich: Ich würde auch meine Koffer packen!
Die Realität holt uns ein – der Blick auf die aktuelle Lage in der spanischen Exklave Ceuta reicht: Dort harren derzeit rund 5.000 Geflüchtete aus Marokko unter prekären Bedingungen aus, das Tor nach Europa fest im Blick. Es sind Menschen, die nicht vor Bomben fliehen, sondern vor Perspektivlosigkeit. Die Debatte kocht über, die Leute meckern lautstark über die „Wirtschaftsflüchtlinge“.
Dabei vergessen wir oft unsere eigene Geschichte. FLUCHT ist tief in der DNA auch unserer Region verwurzelt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte ganz Deutschland und der Landkreis Schwandorf einen historischen Zustrom. Damals flohen die Menschen vor dem nackten Krieg, vor Gewalt und Vertreibung aus dem Sudetenland oder Schlesien. Sie hatten nichts als ihr Leben gerettet. Es gab Barackenlager, Hunger und Zwangseinquartierungen.
Auch damals gab es massive Vorbehalte zwischen Einheimischen und „Neubürgern“, bevor die Integration zu einer tragenden Säule des Wiederaufbaus wurde.
Damals wie heute gilt: Flucht hinterlässt Wunden. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied, den wir in der heutigen Debatte nicht ignorieren dürfen. Damals ging es um das nackte Überleben im eigenen, zerstörten Land. Heute geht es oft um Migration aus wirtschaftlicher Not – verständlich, aber in der Masse für ein einzelnes Land kaum tragbar.
Hier stoßen wir auf ein schmerzhaftes Dilemma. Angesichts der eigenen Geschichte und christlicher Werte wollen und müssen wir helfen. Und doch zwingt uns die Realität dazu, über Abriegelung und Grenzen nachzudenken. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt hat dieses Dilemma einmal in einem Satz zusammengefasst, der heute topaktuell erscheint: „Wer halb Kalkutta bei sich aufnimmt, hilft nicht Kalkutta, sondern wird selbst zu Kalkutta.“
Zögern und Aussitzen, wie es die spanische Regierung in Ceuta vormacht, ist jedenfalls keine Lösung. Wir müssen handeln, um die Menschen konkret aus ihrer verzweifelten Lage zu befreien. Aber das bedeutet eben auch schmerzhafte Konsequenzen: Wer keinen Asylgrund hat, muss konsequent zurückgeführt werden – so bitter das im Einzelfall ist. Gleichzeitig gebietet es die Menschlichkeit, schutzbedürftige Gruppen wie Mädchen und Familien geordnet aufzunehmen. Doch machen wir uns nichts vor: Jeder Funke Hoffnung, den wir aussenden, schafft sofort neue Anreize zur Flucht. Ein ewiger Teufelskreis!
Die wahre Lösung liegt nicht an unseren Zäunen, sondern in den Herkunftsländern. Wir müssen die Fluchtursachen an der Wurzel packen: Korruption vor Ort gnadenlos bekämpfen, wirtschaftliche Anreize schaffen und Demokratien fördern, damit die Menschen eine echte Perspektive in ihrer Heimat sehen.
Wir können den Menschen in Ceuta ihre Sehnsucht nach einem besseren Leben nicht vorwerfen. Aber wir müssen ehrlich genug sein, um zuzugeben: Unsere Kapazitäten sind nicht unendlich. Das ist die unbequeme Wahrheit, der wir uns stellen müssen – ganz ohne Schaum vorm Mund, aber mit klarem Blick auf die Realität.
