REGENSBURG (sr). Spaziertreffs fördern Gemeinschaft und helfen Einsamkeit entgegenzuwirken – soziale Einrichtungen als Gesprächspartner bei Spaziertreff mit Begleitung.

Bewegung an der frischen Luft, in angenehmer Begleitung ist wohltuend für Körper, Geist und Seele. Auch Ärzt*innen empfehlen mittlerweile immer mehr, soziale Alltagsaktivitäten in Gemeinschaft zum gesund werden und Gesundheit erhalten.
„Social prescribing“ – medizinische Verordnung von sozialen Kontakten – dies ist in Großbritannien mittlerweile weit verbreitete Praxis im Gesundheitswesen. (siehe Definition unten)
„Gehen Sie, dann geht es auch!“ so eine therapeutische Metapher.
Sie verdeutlicht, dass ein Spaziergang auch dabei helfen kann, Gedankenkreisel und Gefühlstaubheit zu reduzieren oder die gefühlte Aussichtslosigkeit kurz aufzubrechen.
Aus mehreren kurzen Unterbrechungen vom sozialen Rückzug entsteht langsam wieder mehr Offenheit, Bereitschaft zur Umorientierung und Neuausrichtung.
Aus Rückzug, Einsamkeit oder sogar sozialer Isolation wird wieder mehr Eingebundensein und eine Erfahrung von Zugehörigkeit oder sogar Gemeinschaft.
Die inklusiven Regensburger walk & talk Treffen greifen diese Idee auf.
Eingeladen sind alle Menschen, egal welchen Alters oder welcher Kondition.
Der Austausch beim Gehen reduziert das Tempo, fördert das Entschleunigen und bringt „d´ Leut zamm“.
Die Gehrouten sind auch für langsame Geher*innen sowie für Menschen im Rollstuhl und mit Gehbeeinträchtigungen und Handicaps geeignet. Die Dauer ist auf 1 ½ Stunden veranschlagt, eine kleine Pause zwischendurch ist willkommen. Denn im Vordergrund steht der „talk“, das Gespräch.
Nach einer ersten Willkommensrunde und Begrüßung macht man sich zu zweit oder in einer kleinen Runde auf den Weg. Ein Gesprächsimpuls als Angebot erleichtert es vielleicht, mit bisher nicht bekannten Menschen ins Gespräch zu kommen. Zwischendurch gibt es die Möglichkeit zum Wechsel und am Ende treffen sich alle zusammen für eine kleine Abschiedsrunde.
Die Teilnahme ist kostenfrei, ohne Anmeldung möglich;
Der Spaziertreff findet auch bei mäßigem Regen statt.
Fest etabliert ist mittlerweile der offene walk & talk-Treff. Jeden ersten und dritten Donnerstag um 18 Uhr trifft sich die selbstorganisierte Gruppe.
Daneben findet nun ab April immer am letzten Dienstag im Monat das neue Format „walk & talk in Begleitung“ statt.
Jeden Monat ist eine andere soziale Anlaufstelle aus Regensburg Gastgeberin. Die Mitarbeiter*innen von Suchtberatungsstellen, Sozialpsychiatrischen Diensten, oder der offenen Behindertenarbeit stellen dann am Beginn der Gehrunde ihre Anlaufstelle vor und sind beim Spaziergang ansprechbar für erste Fragen ihres Angebotes.
Der Start ist am Dienstag 28. April um 18 Uhr im Stadtpark am Eingang des Kunstforums.
Gastgeberin des ersten Spazierganges ist Retex, der Integrationsbetrieb und Werkstätte für Menschen mit seelischen Erkrankungen, eine Einrichtung die Arbeitserprobung und Arbeitsplätze jenseits des ersten Arbeitsmarktes anbietet.
Am 26. Mai wird dann die Beratungsstelle der Bayerischen Gesellschaft für psychische Erkrankungen das walk & talk begleiten. Die Gastgeber der weiteren Monate sind auf der Internetseite von KISS Regensburg zu finden.
Koordiniert wird das Projekt von der KISS Regensburg, der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe. In der Corona-Zeit hatten die bayerischen Selbsthilfekontaktstellen walk & talk-Gruppen in 20 Städten etabliert und dafür auch in 2024 den bayerischen Präventionspreis erhalten.
KISS berät Menschen auf der Suche nach Gemeinschaft und unterstützt, wenn Menschen Gruppen für ihr Anliegen gründen möchten.
Neben den Selbsthilfegruppen bei gesundheitlichen Problemen entstehen derzeit zunehmend Aktivgruppen für besondere Zielgruppen. Gemeinsames Tun wie Bewegung, Kreativität, gemeinsames Frühstücken wie etwa bei den SOFA-Treffs der Sozialen Initiativen oder auch Freizeitgestaltung, Spiel und Achtsamkeit in Verbindung mit Austausch und Gespräch schaffen neue Verbundenheit und ein Netzwerk auf Gegenseitigkeit.
„Die selbstgewählte Einordnung als soziale Selbsthilfegemeinschaft auf Augenhöhe grenzt die Gruppen von anderweitigen Stammtischen und Freizeitgruppen ab“, so Lisbeth Wagner, Beraterin und Selbsthilfeunterstützerin bei KISS.
Erwartet wird dabei von den Mitgliedern der Selbsthilfe, dass sie eine wertschätzende und respektvolle Kommunikation pflegen und das So-sein der anderen nicht bewertet wird. Durch dieses weitgehend bewertungsfreie und nichthierarchische Miteinander entsteht ein Klima des sich gegenseitig Stärkens. Die eigene Selbstwirksamkeit steigt mit der Eingebundenheit.
„Wenn Menschen mit einem Spaziergang wieder ermutigt werden könnten, Vertrauen in Gemeinschaft zu gewinnen und sich zugehörig und sicher unter Menschen zu fühlen: dann wäre das ein erster Schritt für mehr sozialen Zusammenhalt und hin zu einer Kultur des Miteinanders“, so Wagner.
Walk & talk und weitere Spazier-, Geh und Wandertreffs in der Übersicht:
walk & talk: offener Spaziertreff und mehr: 1. Und 3. Donnerstag im Monat 18 Uhr, Treffpunkt in der Regel bei KISS, Landshuter Str 19.
Infos vorab über die Termine und die Trefforte unter: wat-regensburg@mail.de
walk & talk: Spaziertreff mit Begleitung: letzter Dienstag im Monat, 18 Uhr
Treffpunkt im Stadtpark am Eingang des Kunstforums Ostdeutsche Galerie bei den roten Säulen
Infos vorab bei KISS Regensburg, 0941- 599 388 610 kiss.regensburg@paritaet-bayern.de ; www.kiss-regensburg.de
walk & talk woman, i.d.R. letzter Montag vormittags 10.30 Uhr ab Kassiansplatz 4, Beratungsstelle Ellen & Verena. https://invia-regensburg.de/in-via-frauentreff/
Mitgehen am Mittwoch des Kneipp-Vereins, immer um 14 Uhr ab dem Mehrgenerationenhaus, https://www.kneippverein-regensburg.de/
Ambitionierte Geherinnen und Wandererinnen finden offene Angebote mit sozialen Kontakten bei der Wandergruppe von Campus Asyl, beim Waldverein, bei den Naturfreunden, beim Gehsportverein Regensburg oder dem Alpenverein.
Hintergrund-info: Social Prescribing:
Medizinische Behandlungen werden durch soziale Kontakte und Aktivitäten ergänzt, indem Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen bestimmten Patienten Maßnahmen verschreiben, die das soziale Miteinander fördern.
Auf diese Weise sollen soziale und emotionale Bedürfnisse der Patienten befriedigt und Heilungsprozesse unterstützt werden.
Manche Patienten mit körperlichen und psychischen Beschwerden werden im klinischen Alltag trotz fachgerechter medizinischer Versorgung nicht gesund.
Ein Grund dafür kann sein, dass bei diesen Patienten andere, nichtmedizinische Bedürfnisse, die den Heilungsprozess beeinflussen können, im Rahmen der Primärversorgung nicht berücksichtigt und befriedigt werden. In britischen Gesundheitswesen wurde daher ab den 90er-Jahren ein Ansatz etabliert, der einer ganzheitlicheren Sicht auf die Patienten gerecht werden und sie ermächtigen soll, selbst mehr für ihre Gesundheit zu tun.
(entnommen aus deutsches Ärzteblatt 7/22)
